FIND 2026: Ausbruch aus dem Realismus der Entfremdung

Katie Mitchell (FIND26) | Foto: Gianmarco Bresadola

Getreu dem Motto „The End Is Near“ sucht das FIND 2026 an der Schaubühne Berlin einen Umgang mit dem Realismus der Entfremdung. Geladene internationale Dramen hinterfragen unterdrückende Strukturen, die teils auf Patriarchat, Kolonialismus, Theologie fußen. „Artist in Focus“ ist die britische Regisseurin Katie Mitchell.

Nationalstolz als Identitätsbestimmung

Moderne Gesellschaften entfremden sich immer mehr von ihrer Umwelt. Mitmenschen, Beziehungen und Arbeit unterliegen zunehmend den strukturellen Zwängen des Kapitalismus. Der Mensch bleibt dabei wie eine verlorene Hülle zurück. Zwanghaft versucht er sich an altbekannten Mustern festzuhalten, um sich Identität und Macht in den Körper einzuschreiben. Ganz vorne dabei ist der Nationalstolz.

Performer Clayton macht in „Macacos“ seinen Körper zur Bühne

„Macacos“ | Foto: Noelia Najera

In seiner Lecture Performance „Macacos“ nimmt der Performer Clayton Nasciemnto die vermeintliche Identitätsbestimmung des Nationalstolzes unter die Lupe und reist mit ihr durch die rassistisch geprägte Geschichte Brasiliens. Ausgehend vom brasilianischen Fußball, der bis in die 1950er Jahre als Elitesport für Weiße galt, ruft er in den leeren Bühnenraum „Macacos. Macacos. Macacos.“

Bei diesen Worten zittert Nasciementos leicht bekleideter Körper. Sie sind wie Stiche, die seinen Körper treffen und durchfahren.

Der portugiesische Ausdruck „Macacos“ bedeutet „Affe“ und ist in Brasilien strafbar. Rassistische Fußball-Fans, vor allem die Fans der brasilianischen Nationalmannschaft, und Spieler diffamieren mit diesem Ausdruck schwarze Spieler.

Brasiliens Geschichte ist geprägt von Rassismus

Weiter reist Nasciementos Körper mit seiner Stimme in die Zeit zurück, in der schwarze Menschen in den Favelas von der brasilianischen Militärpolizei systematisch ermordet wurden. Sein Körper dient als Erweiterung für seine Worte, Aussagen und Rufe. Er verdeutlicht dadurch wie tief sich rassistische Ressentiments in den Körper einschreiben und Traumata verursachen.

Ressentiments schreiben sich in Kinder-Körper ein

Die katastrophalen Auswirkungen traumatischer Ereignisse erleben wir bei FIND 2026 im norwegischen Gastspiel „11 ÅR“ von den Künstlern Toril Goksøyr und Camila Martens. Hier blickt das Publikum auf einen belebten Schulhof. Es ist große Pause.

„11 ÅR“ | Foto: Gianmarco Bresadola

Ein elfjähriges Mädchen klettert, andere beschäftigen sich mit ihren Smartphones, spielen oder tanzen. Und das Tag um Tag. Pause um Pause. Doch plötzlich ist die junge Kletterin nicht mehr da. Sie hat Suizid begangen. Was ist passiert?

Obwohl das Publikum die Szenen verfolgt und die Soundkulisse über Kopfhörer intensiv mithört, lässt sich nur über die Atmosphäre erahnen, dass sich das Mädchen aufgrund von Mobbing zum Suizid entschieden hat. Ihre Familie und ihr Umfeld sind sprachlos und ringen um Aufklärung.

Jungfrau Maria ist schuld an der Unterdrückung von Frauen

"Stabat Mater" | Foto: Gianmarco Bresadola
„Stabat Mater“ | Foto: Gianmarco Bresadola

Ebenfalls um Aufklärung bemüht, greift die brasilianische Künstlerin Janaina Leite in ihrer Performance „Stabat Mater“ zu drastischen und unkonventionellen Mitteln, um die Ursachen für die Unterdrückung von Frauen zu ergründen. Sie ließ sich dabei von der Psychoanalytikerin Julia Kristeva und ihrem Essay „Stabat Mater“ inspirieren.

In Obhut ihrer Mutter beschwört Leite gemeinsam mit einem Pornodarsteller das Motiv von der Jungfrau Maria herauf. Sie erzeugt Bilder von Weiblichkeit, um die Beziehung zwischen Frauen und Männern zu untersuchen.

Dabei konzentriert sie sich auf die weibliche Lust und das Empfinden von Schmerz. Sie möchte das Paradox der Jungfrau Maria herausarbeiten. Eine Frau, die ohne Lust zu sein scheint, eine Heilige ohne Sünde, die dennoch ein uneheliches Kind gebar.

Artifizielles Potpourri Post-FIND 2026 in der Schaubühne

Das FIND 2026 ist nur noch bis Ende April erlebbar. Einige Arbeiten des Festivals sind jedoch ins Repertoire des Hauses übergegangen und können weiterhin gesehen werden.

FIND 2026 (16. April – 26. April 2026) | Schaubühne Berlin | ticket@schaubuehne.de