Bernada Albas Haus: Der toxische Mann im femininen Kostüm
Berlin ∙ Ein Haus. Viele Zimmer. Frau, Freundinnen, Angestellte, Mütter, Urgroßmutter, Töchter, Schwestern – ein Heer der Weiblichkeit lebt in Bernada Albas Haus. Die Mutter bildet das Zentrum der Macht. Ohne die vorhandenen Ketten des Patriarchats zu zerschlagen. Ohne ihren Töchtern eine emanzipierte Weiblichkeit zu schenken. Die Mutter, die Frau, Bernada bleibt dem System des toxischen Mannes treu und nimmt dafür eine Katastrophe in Kauf.
Es ist besser, nie einem Mann zu begegnen. Seit ich klein war, habe ich Angst vor Männern (…)
Weil Männer sich gegenseitig decken.
Und Füreinander lügen.
Und zusammenhalten.
Und zusammenhalten.
(„Bernada Albas Haus“ von Alice Birch)

Der Mann, der Vater, das männliche Familienoberhaupt von Bernarda Albas Haus ist kürzlich verstorben. Die Familie trauert. Bernada fügt sich ihrer neuen Rolle als Oberhaupt im patriarchalen System – mit maßloser Strenge, Kontrolle und grenzenloser Gewalt. So wie sie es von ihren männlichen Bildern vorgelebt bekommen hat.
Das Privileg der Männlichkeit ist noch fest in den wirtschaftlichen und sozialen Grundlagen verankert und die Frau ist weiterhin sein minderwertiges Nebenbild.
Für Bernada drängt sich dieser Widerspruch nicht auf. Sie sorgt sich um die Finanzen, kümmert sich um den Haushalt, delegiert das Personal, pflegt ihre kranke Mutter und erzieht gleichzeitig ihre Töchter. Sie ist schlichtweg eine „gemachte Frau“, um es mit den Worten von der Philosophin Simone de Beauvoir zu sagen.
Bernadas frauendominierte Haus verkörpert das Patriarchat
Autorin Alice Birch, die den Text „Bernada Albas Haus“ von Federico García Lorca zeitgenössisch verlegt hat, erschafft gemeinsam mit der Regisseurin Katie Mitchell eine Inszenierung, welche ein Ebenbild unserer männerdominierten Gesellschaft ist. Frauen sind in dieser Welt minderwertige Objekte, die es kleinzuhalten, notfalls zu ermorden gilt. Gemeinsam steuern wir mit diesen Werten unsere Gesellschaft (zurück) in den Faschismus.
Frauen bleiben bei Bernada minderwertige Objekte
Regisseurin Mitchell, die ein Gespür für Perfektion und Timing hat, präsentierte Birchs „Bernada Albas Haus“, geladen zum Berliner Theatertreffen 2025, auf der Bühne der Berliner Festspiele. Ihr Haus (Bühne: Alex Eals) beherbergt in den vielen Räumen nur noch Frauen. Es wird von der trauernden Witwe Bernada, das neue Familienoberhaupt, verwaltet. Seit dem Tod ihres Mannes hat sie das Privileg des Mannes inne, ist nun fest in den wirtschaftlichen und sozialen Grundlagen der Welt verankert.

So bleibt ihr frauendominiertes Haus im System des toxischen Mannes. Die Ketten des Patriarchats werden nicht zerschlagen. Bernadas Angestellte, ihre Töchter und ihre pflegebedürftige Mutter sind weiterhin minderwertige Objekte, die Bernada unter ihre totale Kontrolle bringt.
Toxischer Mann lebt weiter in Bernanda
Mit Gewalt züchtigt sie die Frauen, denen sie keinen eigenen Willen und keine Freiheit zugesteht. Für Bernada ist die Ehre der Familie unantastbar; jeder Verstoß gegen die Sitte wird von ihr aufs Härteste abgestraft.
Ihr jungen Töchter, welcher voller Lebenslust sind, versuchen vergebens gegen den toxischen Mann im femininen Kostüm anzukämpfen. Die pflegebedürftige Großmutter ist längst in ihre eigene Welt geflüchtet und trotzt unbescholten dem System.
Fesselndes zeitgenössisches Drama trifft tief Deutschlands Wunde
Mitchells Inszenierung ist ein fesselndes Drama, voller Spannung und Emotionen. Es ist gezeichnet von ästhetischem Können. Jede Bewegung, jedes gesprochene Wort ist bis ins kleinste Detail choreografiert, perfekt getimt. Das künstlerische Team der Inszenierung legt mit hohen Unterhaltungswert den Finger in die Wunde von Deutschland – den Faschismus.
Über die Arte-Mediathek lässt sich die Inszenierung bis um 2. Mai 2026 anschauen. Das nächste Berliner Theatertreffen findet Ende April 2026 statt.