Europakrise: Wo beginnt die (europäische) Tragödie?

Vier Schauspieler begeben sich in Milo Raus „EMPIRE“ auf eine Reise ins Vergangene und treffen dabei auf ihre Heimat, die sie durch Krisen und Krieg verloren haben. Sie treten in einen Konflikt mit ihrem Innenleben, offenbaren persönliche Schicksalsschläge. SCHMERZ. Die Vergangenheit wird zur Gegenwart. Krieg ist Alltag. Und die Zukunft von Europa ungewiss.

Europas Zukunft ist ungewiss

Der Schweizer Regisseur Milo Rau und sein International Institute of Political Murder (IIPM) beenden mit „EMPIRE“ ihre Europa-Triologie, in der sie sich mit dem Mythos der Realität auseinandergesetzt haben. Das letzte Werk referiert gegenwärtige Tragiken, bringt sie in Relation mit dem künstlerischen Werk von Euripides Medea“.

Maria Morgenstern sprich über ihre von den Nazis ermordete Familie

Auf der Bühne angekommen, sitzt die rumänische Schauspielerin Maia Morgenstern, bekannt als Jesus Mutter Maria aus dem Film „Die Passion Christi“, gemeinsam mit drei weiteren Schauspielern in der Küche eines zerbombten Hauses. Sie spricht über ihre Kindheit, den Anfang ihrer Schauspielkarriere, über ihre weißrussisch-jüdische Herkunft und sie spricht von ihrer Familie, die von den Nazis vertrieben, größtenteils ermordet wurde.

Maria und Medea – die schlechtesten aller Mütter?

Maia erzählt von ihrem Dreh zu dem Film „die siebte Bleibe“, wo sie während der Drehpause im Nonnenkostüm auf die Suche nach ihren im Holocaust ermordeten Großvater ging. Und sie erzählt unter Tränen von ihrer Scheidung; nachdem ihr Mann sie betrogen hatte. Die Abgabe ihrer Kinder aus Liebe zu ihren Kindern.

Filmemachen war für mich sehr hart, denn ich sah meine Kinder während Wochen, Monate nicht. Ich ließ meine Kinder bei Babysitternn: Zuerst Tudor bei meiner Mutter, dann wiederholte sich das mit Eva und schließlich mit Anna. […] Aber bin ich deshalb eine schlechte Mutter? Als ich Medea spielte, die schlechteste aller Mütter […] Das wahre Verbrechen ist die Scheidung. Medea rettet ihre Kinder, denn in einer zerstörten Familie zu leben ist schlimmer als der Tod.

Empire - Third Part of Europe Trilogy by Milo Rau / IIPM
Empire – Third Part of Europe Trilogy by Milo Rau / IIPM. Rami Khalaf, Maria Morgenstern, Akillas Karazissis. Foto: Marc Stephan.

Über persönliche Schicksalen blickt „EMPIRE“ auf und über die Ränder des europäischen Kontinents. Rumänien, Griechenland und Syrien.

„EMPIRE“ gelangt über persönlichen Krisen zur gegenwärtigen europäischen Katastrophe

Milo Rau macht mit „EMPIRE“ Nahaufnahmen von den Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten. Erzählt von den Kriegen und erlebten Krisen, wie die vom syrischen Schauspieler Rami Khalaf, dessen Bruder seit zwei Jahren verschwunden ist.

Keine Nachrichten, keine Informationen. Auf einer Website, die Fotos von getöteten Personen aus den Gefängnissen von Assads-Regime zeigt, versuchte er tagtäglich seinen Bruder zu finden. Bislang ohne Erfolg.

„EMPIRE“ vereint imperiale Wirklichkeit und antiken Mythos zu einem atemlosen Erzählstück

Rau und dem IIPM gelingt es, über die persönlichen Erzählungen der Schauspieler einen abschließenden Bogen zu den Inszenierungen „The Civil Wars“ und „The Dark Ages“ zu schlagen. Die tiefgreifende Tragik und die humorvollen Momente von „EMPIRE“ ermöglichen ein gelungenes Erzählstück zwischen imperialer Wirklichkeit und antiken Mythos, das dem Zuschauer lauter Spannung kaum Zeit zum Atmen lässt.

Ebenfalls ist „EMPIRE“ eine Geschichte über die Kunst des Schauspielens, in der das Eigenleben der Darsteller ins Tragische greift und auf die Bühne projiziert wird. Die Schauspieler machen durch ein persönliches, europäisches Panorama deutlich, dass Menschen zu Opfern ihre Verhältnisse werden und dass Europas Krise bei jedem zu spüren ist.

Europas Krise greift ins Existentielle der Menschen und treibt sie in den Tod

Politische Umstände greifen verstärkt ins Existentielle der Individuen, tragen dazu bei, dass das Leben zum Existenz-Kampf wird. Das kulturelle Moment von Europa greift nicht mehr. Der Wunsch nach einer friedlichen Einheit ist abhandengekommen und der Kontinent geht im Neoliberalismus auf und schafft Imperialismus.

Die beiden Schauspieler, Maia Morgenstern und Akillas Karazissis, verdeutlichen mit Ihren intimen Erzählungen den europäischen Gestaltwandel und greifen über die Geschichten der syrischen Darsteller, Rami Khalaf und Ramo Alif, die europäische Gegenwart sowie Vergangenheit auf, in der Flucht und Nationalismus die Folgen des europäischen Imperialismus sind.

Wo beginnt die europäische Tragödie?

Die Frage ist: Wo beginnt die Tragödie? Beginnt sie bei einem selbst, oder sind es die äußeren Umstände, die das Leben ins Tragische enden lassen. Was bleibt? Ist ein Hoffen auf eine bessere Zukunft.

EMPIRE| Spieltermine in Deutschland| 9.9.-11.9.2016. 20.00h Schaubühne Berlin| Karten unter: ticket@schaubuehne.de oder 030/89 00 23. Weitere Termine: http://international-institute.de/termine/. Das Erzählstück gastierte an der Schaubühne in Berlin vom 8. bis 11. September 2016.

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