Geschlossene Gesellschaft: Die Festung Europa

„Ich stand an der Küste und sprach mit der Brandung BLABLA, vor unserer Festung Europa“, schrieb einst Heiner Müller in seinem Drama „Hamletmaschine“ (1977). Vorausschauend sieht Müller in seinem Drama das freiheitsliebende Europa im Jahr 2015 als Festung.

Das scheinbar grenzenlose Europa, das sich von den Kriegsgebieten abzuschotten versucht, lässt Tausende von Menschen im Meer ertrinken. Mehr noch, die Europäische Union hat um das Mittelmeer eine Grenzschutzagentur, Frontex, beauftragt, alle Menschen, die nicht europäischer Herkunft sind, zu ermorden. Sie sollen ins Meer geworfen werden. Jegliche Rettung von Geflüchteten soll sabotiert und unterbunden werden.

Der europäische Auftrag an Frontex lautet, Geflüchtete dürfen die Festung Europa nicht erreichen. Sie sollen ertrinken. Dublin II(I) erledigt den doch angekommen Rest, in dem so viele Asylanträge wie möglich abgelehnt werden.

Frontex ist der Auftragsmörder von Europa

„Wir haben keinen Platz für Geflüchtete!“, schreien die faschistisch-orientierten Individuen auf ihren Kundgebungen und Podien. Komisch! Gerade hier in Mannheim im Benjamin Franklin Village ist ein Dorf mit leerstehenden Häusern. In den leeren Bauten könnten nahezu 6000 Menschen wohnen.

Schotten dicht! Grenzenlose Freiheit für den Markt

„WER IST DIE LEICHE IM LEICHENWAGEN? Was geht mich deine Leiche an?“, fragt Hamlet in Müllers Werk. Die ursprüngliche Idee von Europa war eine starke, offene Gesellschaft mit unterschiedlichen Kulturen. Das Projekt Europa versprach eine grenzenlose Freiheit in einer vielfältigen Einheit. Und dies nicht nur für Märkte. Liebes Europa, du sollst auch lieben, was du getötet hast.

Der Pass darf nicht zum edelsten Teil eines Menschen werden. Er darf nicht über das Mensch-Sein eines Individuums bestimmen und entscheiden, wer, wann und wo ausgeschlossen werden darf.

„Liebes Europa, du sollst lieben, was du getötet hast!

Die 18. Schillertage 2015, kuratiert vom Nationaltheater Mannheim, finden unter dem Motto: „Geschlossene Gesellschaft“ statt. Dafür wurden ferne Länder eingeladen, wie beispielsweise Afrika, und urbane Spielstätten verwendet. Auch privilegierte Personen sollen die Möglichkeit bekommen, sich einige Theaterabende lang mit Geflüchteten solidarisch zu zeigen.

Was passiert nach der Berieselung? Zurück hinter den Türen aus Panzerglas? „Ich will nicht mehr sterben. Ich will nicht mehr töten. Ein Privilegierter. Mein Ekel. Ist ein Privileg. Bestimmt die Mauer. Stacheldraht. Gefängnis.“

Nur der Mensch grenzt bewusst aus

Geschlossene Gesellschaft? – Nur ich bin mein Gefangener oder wie Sartre es treffend ausdrückt, „Die Hölle, das sind die Anderen“. Sprich es wäre schön, wenn nach der ganzen Berieselung und der Solidarität mit Betroffenen sich ein Bewusstsein öffnet. Ein Bewusstsein, das verstanden hat, dass Blicke und Urteile ausgrenzen. Ein Bewusstsein, das trotz vorhandener Privilegien aufschreit und die Regierung stürzt, wenn die Würde eines Einzelnen in Gefahr ist.

(Zuerst erschienen 18. Juni 2015, Festival-Zeitung für die 18. Internationalen Schillertage in Mannheim // aktualisiert am 23. 12. 2025)

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