Supernerds: Wer im Glaskasten sitzt, sollte mit Steinen werfen!
Köln ∙ „SUPERNERDS“, das genreübergreifende Schauspiel von Angela Richter feierte am 28.5.2015 am Schauspiel Köln in Kooperation mit der gebrueder beetz filmproduktion und dem WDR eine außergewöhnliche Premiere. Regisseurin Richter hat an diesem Abend die Helden der Avantgarde zu Wort kommen lassen. Mit crossmedialen Techniken zeigen die Nerds, wie gläsern wir geworden sind.
„Bitte schalten Sie ihr Handy an, stellen Sie es auf laut.“
„Bitte schalten Sie ihr Handy an, stellen Sie es auf laut und gehen Sie an Ihr Mobiltelefon, wenn Sie angerufen werden.“, das sind die begrüßenden Worte des Kölner Dramaturgen Thomas Laue bei der Inszenierung „SUPERNERDS“. So sonderbar wie seine Worte sind, ist die Bühne (Katrin Brack) gestaltet.
Angela Merkel als Space-Ranger Buzz Lightyear ziert die Bühne
Der Bühnenraum ist voller Puppen, politischer Pappfiguren in Superheldenkostümen, wie Angela Merkel als Space-Ranger Buzz Lightyear aus Toy Story, Luftballons. Hinzu kommt ein riesiger Bildschirm. Die Darsteller haben sich im Bühnenraum verteilt, beleben das Bühnenbild mit Posen.
(…) Mitten in einer Besprechung kam der Executive Assistant herein, ohne anzuklopfen und sagte, dass ein Flugzeug einen der Türme des World Trade Centers gerammt hat. Das war der Moment, (…) (dass) sie im Endeffekt angefangen haben, die gesamte Bevölkerung zu überwachen. Der 11. September war ein Geschenkt für die NSA. (Thomas Drake)
Auftritt von Thomas Drake, er ist ein ehemaliger NSA-Mitarbeiter und Whistleblower. Er tritt aus der Menge heraus, ergreift das Wort und erläutert seine Identität, berichtet von seinen Erlebnissen am 11. September 2001 in New York: „Ich hatte gerade bei der NSA angefangen. Genau genommen war es sogar mein erster Arbeitstag (…) und mitten in einer Besprechung kam der Executive Assistant herein, ohne anzuklopfen und sagte, dass ein Flugzeug einen der Türme des World Trade Centers gerammt hat. Das war der Moment, der mein Leben für immer verändert hat. Statt die Anschläge als Sache der Strafverfolgung zu betrachten, wurden sie als die neue existentielle Bedrohung wahrgenommen, sodass sie im Endeffekt angefangen haben, die gesamte Bevölkerung zu überwachen. Der 11. September war ein Geschenk für die NSA.“
Nach und nach kommen weitere Supernerds auf die Bühne, Jesselyn Radack, Barrett Brown, Julian Assange, Chelsea Manning und Edward Snowden. Sie geben über einen Monolog ihre Identität preis und erklären dem Publikum, weswegen sie hier stehen, weshalb sie angeklagt wurden.
Supernerds zeigen dem Publikum den Glaskasten
Über den im Bühnenbild integrierten Bildschirm sind die Schauspieler fokussiert zu sehen, sodass kleinste Details zu erkennen sind. Alles ist transparent.
Dabei werden die Monologe der Schauspieler immer wieder durch Interaktionen mit dem Theater- und mit dem Fernsehpublikum unterbrochen. Sie untermalen mit crossmedialen Techniken unsere Transparenz. Sie demonstrieren uns, wie leicht sich eine Zivilbevölkerung ausspähen lässt und wie sehr wir in einem unbewussten Glaskasten gefangen sind.
Wir sehen Dich! – Irgendwo sind Deine Daten gespeichert; irgendwo wurdest Du algorithmisch analysiert und ausgewertet.
Beispielsweise lässt der Schauspieler und Moderator Yuri Englert die Kreditwürdigkeit der Theaterzuschauer überprüfen. Oder die Moderatorin Bettina Böttinger macht einen 40-jährigen Theatergast ganz transparent, in dem sie von seinem neuen Job erzählt, den er im Juli letztes Jahres aufgenommen hat. Sie sprich von seinem Einkommen, seinem neuen Haus am Rhein und seiner Familienhomepage, die er vor einiger Zeit vom Netz genommen hat.
Und ganz nebenbei hackt sich die Crew von „SUPERNERDS“ in die Handykamera eines Theaterbesuchers.
Die Helden der Avantgarde drängen uns zum Bewusstsein der Transparentgesellschaft
Die eingebauten Unterbrechungen dienen zu einem stärkeren Bewusstsein für unsere Transparentgesellschaft. Haben aber zu störenden Übergängen geführt, was das Schauspiel insgesamt etwas beeinträchtigte.
Es macht mir nichts aus, wenn ich ins Gefängnis muss oder hingerichtet werde – ich will bloß nicht, dass die Medien Bilder von mir als Junge verbreiten. (Chelsea Manning)
Davon abgesehen ist der Monolog von Chelsea Manning (Judith Rosmair) einer der ausdrucksstärksten und einprägsamsten Monologe des heutigen Abends.
| Chelsea Manning war ehemalige Nachrichtenanalystin der US-Army und wurde zu 35 Jahren Haft verurteilt, weil sie Wikileaks geheime Dokumente der US-Armee zugespielt hatte. Zu den Dokumenten zählten das Collateral Murder Video, die War Logs aus Afghanistan und dem Irak. |
Schauspielerin Rosmair verkörpert hervorragend, mit übergezogenen Kapuzenpulli, Sonnenbrille und mithilfe von leicht-blauem Lichteinsatz, eine emotionale Szene aus dem Leben von Chelsea Manning. Sie spricht davon, dass sie ihr Amt aufgrund einer Geschlechtsidentitätsstörung aufgegeben hat.
Sie äußert sich inkognito über die Vereinigten Staaten, also dass die USA Geschäfte mit korrupten Diktatoren führen und die dritte Welt ausbeuten. Ebenfalls beschreibt sie in ihren Monolog, der eigentlich ein fingiertes Telefongespräch ist, wie sie die Daten über die Kriegsverbrechen der USA auf eine beschriftete Lady Gaga CD brannte und diese Assange zukommen ließ.
Auf der CD war das Collateral Murder Video. Jene Aufzeichnung, die zeigt, wie US-Soldaten in einem Hubschrauber Zivilisten tötet.
Die Inszenierung „Supernerds“ ist ein Überwachungsabend
Richters Inszenierung „SUPERNERDS“ trägt den Untertitel „ein Überwachungsabend“. Ihre interdisziplinäre Arbeit wird dem gerecht und schafft ein neues Schauspielgenre, weil es mehrere mediale Ebenen zu einem Bühnenspektakel vereint.
Monologe erlauben einen tiefen Einblick in die Geheimdienste
Ihre ausgewählten Monologe erlauben einen unglaublich tiefen Einblick in die Vorgehensweisen der Geheimdienste und offenbaren persönliche Schicksale von ehemaligen Mitarbeitern und Aktivisten, die sich dem omnipotenten Gott, der sich als nationale Sicherheit tarnt, gestellt haben. Dadurch schafft sie es, dem Publikum die Augen zu öffnen.
Whistleblower, Internetaktivisten, Coder, Cyberpunks, Geeks. Es sind die Nerds, die derzeit die Kultur der Welt bewegen. Sie haben uns die Augen geöffnet, uns aufgeklärt im besten und wörtlichsten Sinne eines westlichen Wertesystems. (Angela Richter)
Es bleibt die Frage, inwiefern die verwendeten Medien Theater, Fernsehen, Radio, Telefon und Internet gemeinsam unproblematisch harmonieren, sodass die Interdisziplinarität nicht als Störfaktor des Schauspiels empfunden wird und als Untermalungen oder Erweiterung des Schauspiels gilt.
Jedenfalls ist Richters „SUPERNERDS“ ein großartiger Grundstein für interdisziplinäres Theater und ein grandioses Projekt. Hut ab!
Schauspiel Köln | SUPERNERDS – Ein Überwachungsabend| Tickets und aktuelle Spieldaten unter: http://www.schauspielkoeln.de/spielplan/premieren/supernerds/
| Die transkribierten Interviews, die Angela Richter mit Assange, Snowden und vielen mehr geführt hat, sind in ihrem Buch „SUPERNERDS – Gespräche mit Helden“ nachzulesen. |


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