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	<title>Julian Assange &#8211; FreiGeist-Magzine</title>
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	<description>News aus Kultur und Politik</description>
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	<title>Julian Assange &#8211; FreiGeist-Magzine</title>
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	<item>
		<title>Supernerds: Wer im Glaskasten sitzt, sollte mit Steinen werfen!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Sabine Schmidt]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 29 May 2015 08:10:58 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Theaterkritiken]]></category>
		<category><![CDATA[Andrea Imler]]></category>
		<category><![CDATA[Angela Richter]]></category>
		<category><![CDATA[Chelsea Manning]]></category>
		<category><![CDATA[Edward Snowden]]></category>
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		<category><![CDATA[WDR]]></category>
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					<description><![CDATA[
				<![CDATA[]]>		]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>Köln <strong>∙</strong> „SUPERNERDS“, das genreübergreifende Schauspiel von Angela Richter feierte am 28.5.2015 am Schauspiel Köln in Kooperation mit der gebrueder beetz filmproduktion und dem WDR eine außergewöhnliche Premiere. Regisseurin Richter hat an diesem Abend die Helden der Avantgarde zu Wort kommen lassen. Mit crossmedialen Techniken zeigen die Nerds, wie gläsern wir geworden sind.</p>



<h3 class="wp-block-heading"><strong>„Bitte schalten Sie ihr Handy an, stellen Sie es auf laut.“</strong></h3>



<p>„Bitte schalten Sie ihr Handy an, stellen Sie es auf laut und gehen Sie an Ihr Mobiltelefon, wenn Sie angerufen werden.“, das sind die begrüßenden Worte des Kölner Dramaturgen Thomas Laue bei der Inszenierung „SUPERNERDS“. So sonderbar wie seine Worte sind, ist die Bühne (Katrin Brack) gestaltet. </p>



<h3 class="wp-block-heading"><strong>Angela Merkel als Space-Ranger Buzz Lightyear ziert die Bühne</strong></h3>



<p>Der Bühnenraum ist voller Puppen, politischer Pappfiguren in Superheldenkostümen, wie Angela Merkel als Space-Ranger Buzz Lightyear aus Toy Story, Luftballons. Hinzu kommt ein riesiger Bildschirm. Die Darsteller haben sich im Bühnenraum verteilt, beleben das Bühnenbild mit Posen.</p>



<p> </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>(&#8230;) Mitten in einer Besprechung kam der Executive Assistant herein, ohne anzuklopfen und sagte, dass ein Flugzeug einen der Türme des World Trade Centers gerammt hat. Das war der Moment, (&#8230;) (dass) sie im Endeffekt angefangen haben, die gesamte Bevölkerung zu überwachen. Der 11. September war ein Geschenkt für die NSA. (Thomas Drake)</p>
</blockquote>



<p>Auftritt von Thomas Drake, er ist ein ehemaliger NSA-Mitarbeiter und Whistleblower. Er tritt aus der Menge heraus, ergreift das Wort und erläutert seine Identität, berichtet von seinen Erlebnissen am 11. September 2001 in New York: <em>„Ich hatte gerade bei der NSA angefangen. Genau genommen war es sogar mein erster Arbeitstag (…) und mitten in einer Besprechung kam der Executive Assistant herein, ohne anzuklopfen und sagte, dass ein Flugzeug einen der Türme des World Trade Centers gerammt hat. Das war der Moment, der mein Leben für immer verändert hat. Statt die Anschläge als Sache der Strafverfolgung zu betrachten, wurden sie als die neue existentielle Bedrohung wahrgenommen, sodass sie im Endeffekt angefangen haben, die gesamte Bevölkerung zu überwachen. Der 11. September war ein Geschenk für die NSA.“ </em></p>



<p>Nach und nach kommen weitere Supernerds auf die Bühne, Jesselyn Radack, Barrett Brown, Julian Assange, Chelsea Manning und Edward Snowden. Sie geben über einen Monolog ihre Identität preis und erklären dem Publikum, weswegen sie hier stehen, weshalb sie angeklagt wurden. </p>



<h3 class="wp-block-heading"><strong>Supernerds zeigen dem Publikum den Glaskasten</strong></h3>



<p>Über den im Bühnenbild integrierten Bildschirm sind die Schauspieler fokussiert zu sehen, sodass kleinste Details zu erkennen sind. Alles ist transparent. </p>



<p>Dabei werden die Monologe der Schauspieler immer wieder durch Interaktionen mit dem Theater- und mit dem Fernsehpublikum unterbrochen. Sie untermalen mit crossmedialen Techniken unsere Transparenz. Sie demonstrieren uns, wie leicht sich eine Zivilbevölkerung ausspähen lässt und wie sehr wir in einem unbewussten Glaskasten gefangen sind. </p>



<h3 class="wp-block-heading"><strong>Wir sehen Dich! – Irgendwo sind Deine Daten gespeichert; irgendwo wurdest Du algorithmisch analysiert und ausgewertet.</strong></h3>



<p>Beispielsweise lässt der Schauspieler und Moderator Yuri Englert die Kreditwürdigkeit der Theaterzuschauer überprüfen. Oder die Moderatorin Bettina Böttinger macht einen 40-jährigen Theatergast ganz transparent, in dem sie von seinem neuen Job erzählt, den er im Juli letztes Jahres aufgenommen hat. Sie sprich von seinem Einkommen, seinem neuen Haus am Rhein und seiner Familienhomepage, die er vor einiger Zeit vom Netz genommen hat. </p>



<p>Und ganz nebenbei hackt sich die Crew von „SUPERNERDS“ in die Handykamera eines Theaterbesuchers. </p>



<h3 class="wp-block-heading"><strong>Die Helden der Avantgarde drängen uns zum Bewusstsein der Transparentgesellschaft</strong></h3>



<p>Die eingebauten Unterbrechungen dienen zu einem stärkeren Bewusstsein für unsere Transparentgesellschaft.  Haben aber zu störenden Übergängen geführt, was das Schauspiel insgesamt etwas beeinträchtigte. </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Es macht mir nichts aus, wenn ich ins Gefängnis muss oder hingerichtet werde – ich will bloß nicht, dass die Medien Bilder von mir als Junge verbreiten. (Chelsea Manning)</p>
</blockquote>



<p>Davon abgesehen ist der Monolog von Chelsea Manning (Judith Rosmair) einer der ausdrucksstärksten und einprägsamsten Monologe des heutigen Abends. </p>



<figure class="wp-block-table"><table class="has-background has-fixed-layout" style="background-color:#efebdc"><tbody><tr><td><strong>Chelsea Manning </strong>war ehemalige Nachrichtenanalystin der US-Army und wurde zu 35 Jahren Haft verurteilt, weil sie Wikileaks geheime Dokumente der US-Armee zugespielt hatte. Zu den Dokumenten zählten das Collateral Murder Video, die War Logs aus Afghanistan und dem Irak.</td></tr></tbody></table></figure>


<div class="wp-block-image">
<figure class="alignleft is-resized"><a href="https://freigeist-magzine.de/wp-content/uploads/2015/06/supernerds_1_-1.jpg"><img fetchpriority="high" decoding="async" width="1951" height="2960" src="https://freigeist-magzine.de/wp-content/uploads/2015/06/supernerds_1_-1.jpg?w=640" alt="Supernerds_1_" class="wp-image-473" style="aspect-ratio:0.6591264154402974;width:258px;height:auto" srcset="https://freigeist-magzine.de/wp-content/uploads/2015/06/supernerds_1_-1.jpg 1951w, https://freigeist-magzine.de/wp-content/uploads/2015/06/supernerds_1_-1-198x300.jpg 198w, https://freigeist-magzine.de/wp-content/uploads/2015/06/supernerds_1_-1-297x450.jpg 297w, https://freigeist-magzine.de/wp-content/uploads/2015/06/supernerds_1_-1-768x1165.jpg 768w, https://freigeist-magzine.de/wp-content/uploads/2015/06/supernerds_1_-1-675x1024.jpg 675w, https://freigeist-magzine.de/wp-content/uploads/2015/06/supernerds_1_-1-165x250.jpg 165w, https://freigeist-magzine.de/wp-content/uploads/2015/06/supernerds_1_-1-1012x1536.jpg 1012w, https://freigeist-magzine.de/wp-content/uploads/2015/06/supernerds_1_-1-1350x2048.jpg 1350w, https://freigeist-magzine.de/wp-content/uploads/2015/06/supernerds_1_-1-135x205.jpg 135w, https://freigeist-magzine.de/wp-content/uploads/2015/06/supernerds_1_-1-59x90.jpg 59w, https://freigeist-magzine.de/wp-content/uploads/2015/06/supernerds_1_-1-409x620.jpg 409w" sizes="(max-width: 1951px) 100vw, 1951px" /></a><figcaption class="wp-element-caption"><strong>Chelsea Manning (Judith Rosmair) Foto: David Baltzer</strong></figcaption></figure>
</div>


<p>Schauspielerin Rosmair verkörpert hervorragend, mit übergezogenen Kapuzenpulli, Sonnenbrille und mithilfe von leicht-blauem Lichteinsatz, eine emotionale Szene aus dem Leben von Chelsea Manning. Sie spricht davon, dass sie ihr Amt aufgrund einer Geschlechtsidentitätsstörung aufgegeben hat. </p>



<p>Sie äußert sich inkognito über die Vereinigten Staaten, also dass die USA Geschäfte mit korrupten Diktatoren führen und die dritte Welt ausbeuten. Ebenfalls beschreibt sie in ihren Monolog, der eigentlich ein fingiertes Telefongespräch ist, wie sie die Daten über die Kriegsverbrechen der USA auf eine beschriftete Lady Gaga CD brannte und diese Assange zukommen ließ. </p>



<p>Auf der CD war das Collateral Murder Video. Jene Aufzeichnung, die zeigt, wie US-Soldaten in einem Hubschrauber Zivilisten tötet.</p>



<h3 class="wp-block-heading"><strong>Die Inszenierung „Supernerds“ ist ein Überwachungsabend</strong></h3>



<p>Richters Inszenierung „SUPERNERDS“ trägt den Untertitel „ein Überwachungsabend“. Ihre interdisziplinäre Arbeit wird dem gerecht und schafft ein neues Schauspielgenre, weil es mehrere mediale Ebenen zu einem Bühnenspektakel vereint.</p>



<div style="height:23px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<h3 class="wp-block-heading"><strong>Monologe erlauben einen tiefen Einblick in die Geheimdienste</strong></h3>



<p>Ihre ausgewählten Monologe erlauben einen unglaublich tiefen Einblick in die Vorgehensweisen der Geheimdienste und offenbaren persönliche Schicksale von ehemaligen Mitarbeitern und Aktivisten, die sich dem omnipotenten Gott, der sich als nationale Sicherheit tarnt, gestellt haben. Dadurch schafft sie es, dem Publikum die Augen zu öffnen.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Whistleblower, Internetaktivisten, Coder, Cyberpunks, Geeks. Es sind die Nerds, die derzeit die Kultur der Welt bewegen. Sie haben uns die Augen geöffnet, uns aufgeklärt im besten und wörtlichsten Sinne eines westlichen Wertesystems. (Angela Richter)</p>
</blockquote>



<p>Es bleibt die Frage, inwiefern die verwendeten Medien Theater, Fernsehen, Radio, Telefon und Internet gemeinsam unproblematisch harmonieren, sodass die Interdisziplinarität nicht als Störfaktor des Schauspiels empfunden wird und als Untermalungen oder Erweiterung des Schauspiels gilt. </p>



<p>Jedenfalls ist Richters „SUPERNERDS“ ein großartiger Grundstein für interdisziplinäres Theater und ein grandioses Projekt. Hut ab!</p>



<p>Schauspiel Köln | SUPERNERDS – Ein Überwachungsabend| Tickets und aktuelle Spieldaten unter: <a href="http://www.schauspielkoeln.de/spielplan/premieren/supernerds/">http://www.schauspielkoeln.de/spielplan/premieren/supernerds/</a></p>



<figure class="wp-block-table"><table class="has-background has-fixed-layout" style="background-color:#efebdc"><tbody><tr><td>Die transkribierten Interviews, die Angela Richter mit Assange, Snowden und vielen mehr geführt hat, sind in ihrem Buch <a href="https://www.alexander-verlag.com/programm/titel/359-SUPERNERDS.html"><strong>„SUPERNERDS – Gespräche mit Helden“</strong></a> nachzulesen. </td></tr></tbody></table></figure>



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			</item>
		<item>
		<title>Forum Freies Theater: Sind Hacker die Künstler des Neoliberalismus?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[SabineSchmidt]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 10 Nov 2014 08:10:49 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Diskurs]]></category>
		<category><![CDATA[Nachrichten]]></category>
		<category><![CDATA[Angela Richter]]></category>
		<category><![CDATA[Authentizität und Differenz]]></category>
		<category><![CDATA[Bernd Stegemann]]></category>
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		<category><![CDATA[WDR]]></category>
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					<description><![CDATA[Die gesellschaftliche Ordnung des 21. Jahrhunderts orientiert sich an einem kapitalgesteuerten Mainstream. – Wie kann Kunst da noch politisch sein?
			]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>Düsseldorf – Gesellschaftskritisches Denken scheint veraltet. Im 21. Jahrhundert wird die gesellschaftliche Ordnung von einem kapitalgesteuerten Mainstream beherrscht. Dieser lässt Soziales verschwinden, drängt die Kunst aus ihrer Funktion der Gesellschaftskritik und zwingt Künstler Teil des Marktes zu werden. Sie werden zum authentischen Arbeiten genötigt, um der Realität so nah wie möglich zu kommen, damit sie ein Teil des Mainstreams, des Kapitals werden.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Wie können Kunst und Politik im 21. Jahrhundert interagieren?</h2>



<p>Das Symposium „Authentizität und Differenz“, welches am 7. und 8. November 2014 im <strong><a href="https://freigeist-magzine.de/sweet-fithteen/">Forum Freies Theater (FFT) Düsseldorf </a></strong>in Kooperation mit dem NRW Kultursekretariat veranstaltet wurde, versuchte mit den Podiumsteilnehmern, Angela Richter (Regisseurin), Armen Avanessian (Kulturphilosoph), Torsten Meyer (Kunstdidaktiker), Georg Seeßlen (Kunsttheoretiker) und Bernd Stegemann (Dramaturg) einen aktuellen Diskurs über Kunst und Politik.</p>



<p>Dabei fragten sie, kann sich politische Kunst in den neoliberalen Kontexten, wo sie stärker denn je kapitalisiert wird, überhaupt noch vor der Vermarktung entziehen? Besteht die Aufgabe der politischen Kunst des 21. Jahrhunderts im Revoltieren gegen Digitalität, welche globale Überwachungsprogramme in die Gesellschaft einbettet? Oder zusammengefasst: Wie können Kunst und Politik im 21. Jahrhundert interagieren?</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="has-text-align-right">Authentizität ist ein historischer und kein metaphysischer Begriff. (Bernd Stegemann)</p>
</blockquote>



<p>„Authentizität ist ein historischer und kein metaphysischer Begriff.“, mit diesen Worten eröffnete der Dramaturg der Schaubühne Berlin (2014), Bernd Stegemann das Symposium „Authentizität und Differenz“ und erläuterte den Begriff von „Authentizität“, als eine aus dem 19. Jahrhundert entwickelte Glaubwürdigkeit trotz Widersprüche. </p>



<p>Ein Inszenierungseffekt des bürgerlichen Subjekts, um sich emanzipatorisch vom Adel abzusetzen, das heißt „authentisch-sein“ ist für Stegemann in erster Linie eine Art von Überlebenstrategie der Bourgeoisie, in dem der Bürger lernt, auf dem Markt vertrauenswürdig zu inszenieren, damit er erfolgreich seinen Lohn erwerben kann. Es geht um das Aushandeln des Werts der eigenen Handlungen, des eigenen Daseins und der Waren, die man produziert. Früher sollte mit Authentizität eine Illusion erschaffen werden und heute steht „Authentizität“ für eine konkrete Beschreibung der Wirklichkeit.</p>



<h3 class="wp-block-heading"><strong>Authentizität ist ein Inszenierungseffekt des bürgerlichen Subjekts</strong></h3>



<p>„Verdammt, jetzt müssen wir im Theater Kunst machen“, sagte der Dramatiker Heiner Müller und beschreibt damit eine Wendung des Theaters, welche mit Stegemanns „Authentizität“ Erläuterung einhergeht. Theater sieht sich mit Theater konfrontiert. Auf der Bühne soll nicht mehr gehandelt werden, sondern das Bühnenspiel soll „authentisch-sein“, sprich Wirklichkeit produzieren. </p>



<h3 class="wp-block-heading"><strong>Theatrale Realität führt die Authentizität ad absurdum</strong></h3>



<p>Der Ruf nach Authentizität geht so weit, dass Regisseure Alltagsmenschen auf die Bühne holen. So wird die Verkäuferin, die der Regisseur wegen ihrer Geschichte als Verkäuferin auf die Bühne holt, keine Verkäuferin mehr, sondern sie wird zu einem doppelt entfremdeten Subjekt. Sprich, die Verkäuferin, die nun auf der Bühne steht, hat zwei Rollen inne. Einmal die Rolle der Verkäuferin in der gelebten Realität und zum anderen die Rolle der Verkäuferin in der gespielten Realität. Ihr Leben ist nicht authentisch; so besagt es zumindest die Theorie des Sozialwissenschaftlers Erving Goffman, der für Stegemanns weitere Ausführungen herhalten muss.</p>



<p>Die Verkäuferin ist schon in ihrer Rolle als Verkäuferin in der gelebten Realität gezwungen, etwas darzustellen, tritt sie zusätzlich als Laie in der Rolle als Verkäuferin auf die Bühne, ist sie von Affekten, wie Lampenfieber geprägt, die für eine doppelte Entfremdung verantwortlich sind. Und die doppelte Entfremdung wird im Theater als Authentizität gefeiert, laut Stegemann, ist das eine große Lüge der bürgerlichen Gesellschaft.</p>



<h3 class="wp-block-heading"><strong>Sprechtheater wird im Neoliberalismus vom Regietheater abgelöst</strong></h3>



<p>Ein weiterer Aspekt, den der neoliberale Ruf nach Authentizität mitbringt, ist, dass das Sprechtheater, welches den Autor in den Vordergrund stellt, vom Regietheater abgelöst wird, sprich es gibt ein Mehr an Produktionen, ein Mehr an Projekten und der Fokus sowie die Verantwortung liegen gesammelt beim Regisseur.</p>



<p>Der Neoliberalismus und der Kapitalmarkt bestimmen im 21. Jahrhundert die Kunst; behauptet der Kunst- und Filmtheoretiker Georg Seeßlen. Für ihn funktioniert der Kunstmarkt wie der Finanzmarkt, nach willkürlicher Setzung. Muss das Verhältnis von Kunst und Politik neu gedacht werden?</p>



<h3 class="wp-block-heading"><strong>Muss das Verhältnis von Kunst und Politik neu gedacht werden?</strong></h3>



<p>Mit dieser Frage beschäftigt sich der Kulturphilosoph Armen Avanessian in seinem Vortrag „Kunst oder Politik“. Der Kulturphilosoph beschreibt politische Kunst als ein Eingreifen in Herrschaftsstrukturen. Weiter zeigt er neue Definitionsmöglichkeiten von Kunst auf, wie die Ökonomisierung von Kunst (Werbung), Kunst als eine biopolitische Schnittmenge zwischen Mensch und Maschine (Pop-Art) und Kunst als eine Form von revolutionärem Widerstand.</p>



<h3 class="wp-block-heading"><strong>Kulturphilosoph Avanessian beschreibt Kunst als revolutionärem Widerstand</strong></h3>



<p>Für Avanessian beschreibt die Definition „Kunst als eine Form revolutionärer Widerstand“ eine Verknüpfung von Kunst und Dissidenten; wie die Offenlegung von dem Whistleblower Edward Snowden. Gesprächspartner Thorsten Meyer (Kunstdidaktiker) sieht in Avanessians Definition eine Relation zu dem Begriff „Culture Hacking“, das ist eine künstlerische Strategie, in der Codes bearbeitet werden, um Kontrollelemente umzustrukturieren. Mit der bewussten Umstrukturierung wird ein neuer Code geschaffen, sprich Kunst.</p>



<h3 class="wp-block-heading"><strong>„Culture Hacking“ ist ein künstlerischer Akt von revolutionärem Widerstand</strong></h3>



<p>Zur Verdeutlichung von „Culture Hacking“ greift Meyer auf die Arbeit „Salat“ des Performancekünstlers Johannes Gees. Hier greift der Performancekünstler in das strukturierte Glockenspiel einer christlichen Kirche ein, indem er eine Soundanlage installiert und neben dem christlichen Glockenspiel, den muslimischen Ruf zum Gebet ertönen lässt. Mit dieser kleinen Code-Veränderung, sorgt, Gees für eine weitreichende Irritation unter der Bevölkerung. </p>



<p>Der Kunstdidaktiker Meyer betont, dass die Form des Codes für das  „Culture Hacking“ unbedeutend ist. Es können technische, soziale oder psychische Codes sein, die umstrukturiert werden. So sieht Meyer, in dem Psychoanalytiker Jacques Lacan einen Hacker, der einen künstlerischen Akt ausübt.</p>



<p>Auf das Schlagwort „Hacker“, folgen die Worte der renommierten Regisseurin Angela Richter, die sich in ihren Theaterprojekten den digitalen Dissidenten, den Hackern widmet. Für sie sind Hacker nicht nur Personen, die revolutionären Widerstand ausüben, sondern Superhelden. Ihre Arbeiten (Schauspiel Köln) setzten sich aus einer Reihe von Interviews zusammen, welche sie innerhalb einer intensiven Recherche führt. Die Interviews bilden meist die Textgrundlage für die Inszenierung, in der sich Schauspieler mit diesen auseinandersetzen müssen.</p>



<h3 class="wp-block-heading"><strong>Angela Richter bringt Hacker als neue Superhelden auf die Bühne</strong></h3>



<p>Stefan Bachmann (Intendant vom Schauspiel Köln 2014) bezeichnet Richters Arbeiten als „Gonzo-Theater“, das heißt eine Vermengung von Fiktion, Realität, Journalismus und Schriftstellerei. Der Begriff „Gonzo-Theater“ ist eine Anlehnung an den amerikanischen Schriftsteller Hunter S. Thompson und bezieht sich auf Textgrundlagen, die von Modulationen, Verschiebungen und Überlappungen geprägt sind.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="has-text-align-right">Wenn es jeden egal ist, wer wo etwas mitliest, dann können Sie mir gerne ihre Passwörter und Kennungen geben; weil mich interessiert es immer! (Angela Richter)</p>
</blockquote>



<p>In ihrem Stück <strong><a href="https://freigeist-magzine.de/wer-im-glaskasten-sitzt-sollte-mit-steinen-werfen/">„die Avantgarde der Superhelden“ (UA 29. Mai 2015 Schauspiel Köln)</a></strong> verarbeitet die Theaterregisseurin die Konsequenzen des 11. Septembers 2001. Nach 9/11 wurde die nationale Sicherheit zum Leitfaden des transnationalen Kapitalismus und erschuf damit eine rechtsgültige Grundlage für eine uneingschränkte Transparenzgesellschaft.</p>



<p>Kommunikation, Bewegungen und Handlungen der ganzen menschlichen Bevölkerung werden durchleuchtet, algorithmisch-analysiert, ausgewertet und irgendwo gespeichert. Es ist ein umfassendes Datennetz entstanden, wofür wir größtenteils selbst verantwortlich sind, weil wir Apps und soziale Medien nutzen. Sie sind darauf programmiert Daten abzuzapfen, zu anlysieren und weiterzuverkaufen.</p>



<h3 class="wp-block-heading"><strong>Supernerds öffnen uns die Augen für den Überwachungsapparat Staat</strong></h3>



<p>Regisseurin Richter befasst sich in „die Avantgarde der Supernerds“ mit den Hackern unserer Zeit, wie Julian Assange (Wikileaksgründer), Chelsea Manning (Wikileaks-Whistleblowerin) oder Edward Snowden. Sie sind es, die den Menschen die Augen für den Überwachungsapparat geöffnen haben. Mit ihren Enthüllungen haben sie gezeigt, wie Staaten und Unternehmen arbeiten.</p>



<p>Sind diese Nerds nun die neuen Künstler unserer Zeit? – Laut den Definitionen der Gesprächsteilnehmer, sind sie ein wichtiger Bestandteil der modernen politischen Kunst. Sie erregen mit ihren wahren Enthüllungen ein großes öffentliches Interesse, regen die Bevölkerung zum Nachdenken an und sorgen für Gegenbewegungen. Alles Eigenschaften, die authentische, politische Kunst erfüllen sollte. Der vierte Teil des Symposiums, „Symposium IV: Operation Zukunft“  findet am Theater Bielefeld statt.</p>



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<p class="has-text-align-right">(Überarbeitet am 29.12.2025)</p>
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