SWR auf den Mannheimer Schillertagen 2015 fragt: Wem gehöre ich?
„Das Netz ist eine Diktatur“, schreibt die FAZ und verweist somit auf unsere Transparenzgesellschaft, in der wir einer allumfassenden Kontrolle ausgeliefert sind. Der Autor Ilja Trojanow geht noch weiter und bezeichnet unsere Netzgesellschaft nicht nur als totalitären Staat, sondern verweist auf die Konsequenzen der algorithmischen Überwachung, die eine Repression des Menschen mit sich bringt, zugleich aber die Freiheit des Datenflusses fördert.
SWR2-Forum: „Sie steuern Dich! Was tun gegen die digitale Kontrollgesellschaft?“
Im Rahmen der 18. Internationalen Schillertagen in Mannheim fragt das SWR2-Forum: „Was tun gegen die digitale Kontrollgesellschaft?“, und hat für diesen Diskurs (Gesprächsleitung: Dietrich Brants), Ilja Trojanow (Autor), Hannes Grassegger (Ökonom und Publizist) und Constanze Kurz (Sprecherin des CCC – Chaos Computer Club) eingeladen, um über unsere Transparenzgesellschaft zu diskutieren, in der algorithmisch unsere Daten ausgewertet und verkauft werden.
Keine Bedrohung? Kontrolle und Überwachung sind nicht wirklich spürbar
Die Problematik unseres Überwachungsstaats, welche Constanze Kurz präzise auf den Punkt bringt, ist, dass die Kontrolle und Überwachung nicht wirklich spürbar sind und deswegen von der Bevölkerungen nicht als nahe Bedrohung empfunden werden.
Angela Merkels emotionaler Rede über die Datentransparenz, in der wir nicht nur das Schlechte an der Transparenz sehen sollen, trägt sehr wenig zur Aufklärung über die Gefahren bei und blockiert die Wahlfreiheit über eigene Daten. Eine Wahlmöglichkeit, in der wir selbst entscheiden können, ob wir unsere Daten preisgeben wollen, beziehungsweise wir selber über unsere Daten verfügen und kontrollieren können, was wir preisgeben, wäre, nach Kurz ein Anfang.
Datenkrake als Apokalypse des 21. Jahrhunderts
Doch Kurz fügt anschließend hinzu, dass sie neben dem hinreichenden Schritt der Wahlmöglichkeit für eine Revolution zu haben wäre, in der das System überwunden wird. Der Ökonom Hannes Grassegger, der das Buch „das Kapital und Ich“ verfasst hat, fühlt sich hinsichtlich über die eingeschränkte Verfügungsgewalt unserer Daten ins Mittelalter zurückversetzt und beansprucht eine Autonomie im Netz, weswegen er ganz klar sagt: „Die Daten gehören uns nicht! Wir gehören uns nicht!“.
Diese apokalyptische Aussage lässt sich besser nachvollziehen, wenn wir uns vergegenwärtigten, dass Firmen, wie „acxiom“ unsere Daten sammeln, auswerten und an Dritte weiterverkaufen, wie Grassegger es im Selbstexperiment erfahren musste. Er hat im fiktiven Auftrag einer christlichen Kochbuchkette bei „acxiom“ angerufen und nach Daten von christlichen Bürgern verlangt, die er ohne Zögern inklusive Facebook-Daten wohl sortiert in einer Exceldatei erhalten hätte. Denken wir über dieses Experiment hinaus, ist klar, dass mit solchen Daten auch gezielt Menschen ausgelöscht werden können.
Daten können gezielt Menschen auslöschen
Aber wie werden wir kontrolliert? Im Zeitalter von Apple Watch können biometrische Daten, wie Fingerabdruck oder Stimme als Passwort dienen. Sind diese Daten einmal im Umlauf, ist die Identität bedroht oder besser die Identifikationsmöglichkeit. Denn wie Brecht schon einst sagte: „Der Pass ist der edelste Teil von einem Menschen. Er kommt auch nicht auf so einfache Weise zustande wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustande kommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Pass niemals. Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird.“
Konzerne haben die Macht der Daten erkannt und kontrollieren die Menschen
Und nun: Ist der Kampf für digitale Freiheit verloren? Jedenfalls haben die Konzerne erkannt, dass Daten Macht sind, weil der Mensch durch Daten erfasst und mit Daten kontrolliert, geformt wird, sodass das Kaufverhalten (alias Konsumverhalten) des Menschen bewusst manipuliert und konditionieren werden kann.
(Überarbeitet am 29.12.2025)
