Flüchtlingskrise im Theater: Europa wird abgeschoben

Düsseldorf – Das internationale Künstlerkollektiv andcompany&Co., welches sich 2003 in Frankfurt am Main gegründet hat und momentan in Berlin stationiert ist, präsentierte im FFT Juta sein Musiktheaterstück „Orpheus in der Oberwelt: Eine Schlepperoper“. In der Schlepperoper macht das Künstlerkollektiv der Europäischen Union mit seiner Grenzschutzagentur Frontex den Prozess und lässt politische Gegenwart und griechische Mythologie aufeinanderprallen.

Thrakien ist im 21. Jahrhundert Europas Friedhof

Das antike Thrakien, bekannt als wundersame Traumlandschaft und Paradies für Ornithologen, ist umgeben vom Fluss Evros (Meriç), der durch Griechenland, Bulgarien und Türkei fließt. Die Traumlandschaft hat im 21. Jahrhundert eine äußerst dunkle Seite hinzugewonnen: Es ist militärisches Sperrgebiet. Der Fluss Evros bildet dabei die südöstliche Außengrenze Europas und schottet ab, den europäischen Westen mit meterhohen Zäunen und Minenfeldern von umliegenden Ländern.

Das Thrakien des 21. Jahrhunderts ziert neben seiner Traumlandschaft mit diversen Zugvögeln ein Ufer aus zahlreichen toten Geflüchteten. Es ist ein Totenreich, welches die Flüchtlingsströme wieder in Richtung Mittelmeer weisen soll. Laut der griechischen Mythologie schwimmen im Fluss Evros die toten Seelen von dem Gott der Unterwelt, Hades.

Totenmeer von Hades gehört nun der Europäischen Union

Dieser Mythos beruft sich auf den betörenden Sänger Orpheus, der von den Erinnyen zerrissen wurde, seinen Kopf im Fluss Evros verlor, weil er seine Geliebte, die Nymphe Eurydike, aus Hades Unterwelt befreien wollte. Das Künstlerkollektiv andcompany&Co. nimmt diese Parallele und verbindet das antike Griechenland mit dem europäischen 21. Jahrhundert, schafft ein fiktives Thrakien, in dem das Publikum von einer Gruppe von Schleppern begrüßt wird.

Grenzschutz Frontex zählt die toten Seelen nicht

Die Schlepper betreiben den Im- und Export von geistigen Gütern und sind die modernen DDR-Fluchthelfer. Nach und nach erzählen sie, was ihre Aufgaben sind und sprechen über ihre Anliegen und Probleme. Beispielsweise fühlt sich der Schlepper Alex (Alexander Kaschina) in seinen Rechten als Schlepper verletzt, weil sein Service nicht transparent genug ist, um auf dem Kapitalmarkt zu überleben.

Nur der Grenzschutz Frontex, der von der Europäischen Union engagiert wurde, kann auf dem Kapitalmarkt problemlos überleben. Laut dem Schlepper Alex, arbeitet Frontex noch nicht mal genau. Der Grenzschutz zählt nämlich immer nur Geflüchtete, die es nach Europa geschafft haben und klammert die toten Menschen einfach in ihren Statistiken aus.

Frontex verschlüsselt seine Operationen mit griechischen Mythen

Weiter bedient sich die Agentur aus der griechischen Mythologie, um ihre Operationen zu verschlüsseln. Die Schlüsselwörter verweisen primär auf Einsatzgebiete. Beispielsweise Operation Hermes von 2011, die auf den Einsatz an der italienischen Mittelmeerinsel Lampedusa verweist.

Europäische Union hat ihren Leitgedanken an Frontex verraten

Das Künstlerkollektiv andcompany&Co. formuliert in ihrer Schlepperoper ein klares Statement: Die EU hat ihre Ideale an Frontex verraten. Menschen sind zu Waren mit Gütesiegel verkommen. Sogar die Göttin Europa, die Namensgeberin der Europäischen Union, würde im 21. Jahrhundert von der EU abgeschoben werden. Laut der griechischen Mythologie kam Europa mit dem Stier (alias Hermes) über das Mittelmeer nach Kreta, heute hätte Frontex sie davon abgehalten.

Wo ist Deine Seele, Europa? Hattest Du überhaupt eine?

andcompany&Co hat auch ein passendes Schlüsselwort für die Grenzschutzagentur Frontex, und zwar: Orpheus. Hier tritt der Sänger als singender Schlepper für Geflüchtete auf.

Wie Orpheus tötet Frontex aus Liebe

Der griechische Sänger Orpheus hat in seiner Sage nicht nur seine Geliebte, Eurydike, aus der Unterwelt befreit, sondern sie auch wieder in die Unterwelt zurück manövriert, in dem er sich gegen Hades Versprechen aus Liebe zu Eurydike umgedreht hat. Er wollte sich nach ihrem Befinden erkundigen. Zynisch zieht das Kollektiv in ihrer Schlepperoper eine Analogie zu dem Sänger Orpheus, in dem sie behaupten, dass Frontex wie Orpheus aus reiner Liebe Geflüchteten zurück ins Mittelmeer stößt und aus reiner Zuneigung über 20 000 Menschen auf dem offenen Meer sterben lässt.

Menschlichkeit wird an den europäischen Außengrenzen zum Mythos

Inspiriert von Monteverdis Ur-Oper „L’Orfeo‘ aus dem Jahr 1607 und der Orpheus-Sage, verarbeitet das Kollektiv, Musik, Mythologie, dokumentarisches Material sowie Schicksale von Geflüchteten zu einer neuen und alten Geschichte, in der die gegenwärtige Realität des Grenzgebiets mit griechischer Mythologie kollidiert und zeigt, dass Menschlichkeit an der EU-Außengrenze schon lange ein Mythos ist.

Dabei werden die Erzählungen von den Schleppern immer wieder mit Dokumentationen über das Sperrgebiet Thrakien, von Textblöcken wie Asylanträgen, Texte über die Grenzschutzagentur oder von betörenden Gesängen unterbrochen.

Unterbrechungen lockern das theoretische Fundament der Schlepperoper auf

Diese Unterbrechungen verleihen dem Stück eine Lebendigkeit, sodass die theoretischen Fundamente von dem Publikum aufmerksam aufgenommen werden können. Aktuelle Spieltermine des Kollektivs sind auf ihrer Webseite einsehbar.

(Überarbeitet am 29.12.2025)

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