Expressionisten zeigen Abstraktes in Potsdam

Form der Freiheit

Die Ausstellung „Internationale Abstraktion nach 1945“ knallt mit voller Wucht in unsere jetzige Zeit. Kurator Daniel Zamani hat 2018 mit der Planung begonnen. Zu sehen im Potsdamer Museum Baberini ist sie bis Ende September 2022.

Berlin · „Gut Ding will Weile haben“, sagte einst der Dichter Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen im 17. Jahrhundert, und da mag er wohl recht haben. Die derzeitige Sonderausstellung „Internationale Abstraktion nach 1945“ vom jungen Kurator Daniel Zamani hat ihre Planungsphase in der guten alten Zeit von 2018 begonnen. 2018 ein vergangenes Sehnsuchtsjahr, wo Corona als Bier oder schrullige Eurodance-Band bekannt war und vor allem ohne einen Krieg in Europa.

Ausstellung zeigt transatlantisches Wechselspiel

Das intendierte Bestreben des Kurators Zamani ist nicht nur der Versuch eines transatlantischen Dialogs von Mitte der 40-iger Jahre bis zum Ende des Kalten Krieges, sondern ebenfalls ein Wechselspiel der universellen Bildsprache der abstrakten Expressionisten des freiheitlichen Westens in Abgrenzung vom sozialistischen Realismus der DDR – die internationale Ausstellung im Hause Baberini ist sozusagen in die Zeit gefallen.

50 Künstler:innen begeben sich auf existentielle Sinnsuche

In den rund 100 Arbeiten begeben sich über 50 renommierten Künstler:innen auf eine existentielle Sinnsuche. Sie vollziehen einen starken Wendepunkt in der Malerei, in dem sie das realistische Abbilden verwerfen und Platz machen für einen expressiven Umgang mit Form, Farbe und Material. Die bloße Geste mit dem Pinsel wird bei den abstrakten Expressionisten zu einem Ausdruck von individueller Freiheit. Große Bildformate schaffen einen meditativen Raum und bringen den Betrachter in die Situation, sich mit seinem Sein und seinem Unterbewussten auseinanderzusetzen.

Besonders der Einfluss der Malerinnen wird hervorgehoben − Hedda Sterne eröffnet die Kuration

Die Ausstellung „Internationale Abstraktion nach 1945“ hebt besonders den Einfluss der Malerinnen aus der Nachkriegszeit hervor; wie Hedda Sterne, Joan Mitchell, Judith Reigl oder Lee Krasner. Sie eröffnet mit dem Werk „N.Y. #7“ (Leihgabe vom Museum of Modern Arts) von Hedda Sterne aus 1954. Sterne, eine Exil-Künstlerin jüdisch-rumänischer Abstammung, war eine von wenigen Malerinnen, die sich im männerdominierenden Kunstbetrieb in den USA behaupten konnte. In ihrer Werkserie „N.Y.“ drückt sie ihre Begeisterung für ihr neues Heimatland USA aus.

Starke Farben, Farbspritzer, Schlieren dominieren in den Arbeiten

Während Besucher noch meinen, in Sternes Werken Abbilder hineinlesen zu können, sieht es bei den Arbeiten von Norman Bluhm („Blaue Klinge“, 1961 oder „Weißes Licht“, 1958), Lee Krasner („Durch Blau“, 1963) oder ihrem Mann Jackson Pollock („Verzauberter Wald“, 1947) anders aus. Hier dominieren starke Farben, Farbspritzer, Schlieren und Komposition; dadurch erreichen die Bilder einen Puls und wirken dynamisch. Kunstwerke, die weiter in die Zeit gehen, verlieren an Bildnamen. Damit möchten ihre Künstler ihre gewonnene Ausdrucksfreiheit an die Betrachter weitergeben.

Kein Verweis auf Ding-Welten − Ad Reinhardt macht es vor

Abstrakte Expressionisten verweisen auf keine Ding-Welten mehr, sondern ermöglichen eine demokratische Kunstform, in dem sie dem Betrachter die individuelle Freiheit der eigenen Interpretation ermöglichen. Was so vielversprechend klingt, ist in der Praxis weniger der Fall.  Spätestens bei Arbeiten von Ad Reinhardt oder Morris Louis („Saf Heh“, 1959), verzweifeln selbst Kunstkenner. Reinhardts „Schwarz auf Schwarz Nr.8“ zeigt auf faszinierender Art die höchste Form von abstrakter Malerei.

In seiner Serie „Black Paintings“ reduziert er die Werke auf die Farbe Schwarz. Er versucht dadurch den Bildern jede Form von künstlerischen Emotionen oder Meinungen zu nehmen. Der Betrachter wird bei Reinhard gerade zu gezwungen, sich mit sich selbst zu beschäftigen.

Kunstliebhabern wird die Ausstellung ans Herz gelegt

„Die Leinwand als Bühne, auf der sich kreative Köpfe frei und spontan entfalten können.“, ein Text, der den Anfang der Ausstellung schmückt und geradezu einlädt, die Ausstellung „Internationale Abstraktion nach 1945“ zu besuchen. Kunstliebhabern kann sie nur ans Herz gelegt werden, weil die Sammlung von Hasso Plattner um Leihgaben von mehr als 30 internationalen Museen und Privatsammlungen ergänzt wurde. Ferner haben Besucher die Möglichkeit, neben der Sonderausstellung „Internationale Abstraktion nach 1945“, sich die größte Monet-Sammlung außerhalb Frankreichs anzuschauen.

Museum Baberini in Potsdam, „Internationale Abstraktion nach 1945“ läuft bis zum 25. September 2022. Tickets sind ermäßigt ab 10 Euro und regulär ab 16 Euro vor Ort oder im online Shop zu erwerben.

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