„Wird das unsichtbare Theater uns retten?“

Düsseldorf/ Berlin • Passend zur EM sitzen die Künstler*innen vom Kollektiv „Dragón“ mit Bier und leichten Snacks in einem kantinenähnlichen Etablissements und besprechen ihr neues Projekt. Das Kollektiv befindet sich in einer existentiellen Krise, unter anderem ist ihr dritter Kopf, Alejandra, ausgestiegen. Sie versuchen sich neu zu erfinden. Für ihre kommende Produktion haben sie eine kunsterfahrene Assistentin engagiert. Als künstlerisches Comeback ist eine Autoexplosion im Kunstmuseum Museu de arte de São Paulo (MASP) geplant. Das nun zweiköpfige Kollektiv möchte an den politischen Mord des guyanischen Historikers Walter Rodney erinnern und so auf die postkolonialen Verhältnisse in Chile aufmerksam machen.

In der Diskussion über die Umsetzung der geplanten Explosion stoßen die Künstler*innen an die Grenzen von theatraler Kunst im politischen Kontext; dürfen Künstler*innen Migranten als verstummte Statisten für künstlerische Zwecke gebrauchen? Ist es für People of Color- oder weiße Künstler*innen legitim mit „schwarzen Leichenteilen“ zu spielen? Können nicht-schwarze Künstler*innen ohne schwarzen Körper überhaupt etwas über Kolonialismus aussagen, ohne selbst in die Rolle der Plünderer zu verfallen?

Ensemble (Luis Cerda, Camila González, Francisca Lewin) Foto: Melanie Zanin

Wie unsichtbar muss Theater sein, um politisch wirken zu können? Ist eine zentrale Frage der hybriden Inszenierung „Dragón“ (UA Juni 2019, Santiago de Chile) vom chilenischen Regisseur Guillermo Calderón und Ensemble (Luis Cerda, Camila González, Francisca Lewin). Die deutsch-chilenische Produktion, welche am 21. Juni 2021 Deutschlandpremiere über Live-Stream auf dem Düsseldorfer Theater der Welt Festival feierte, untersucht das Verhältnis von darstellender Kunst und Politik in Zeiten von Digitalisierung und Postpandemie.

Dafür verdreht, verschiebt und tarnt „Dragón“ die Ebenen der Kunst. Und beruft sich auf den brasilianischen Theatertheoretiker Augusto Boal, der mit seiner Theorie über das unsichtbare Theater ein bewusstseinbildendes Theater der Unterdrückten formulierte. Im unsichtbaren Theater ist jeder Ort eine Bühne, alle Menschen sind Zuschauer und Akteure, um die soziale Ordnung zu kritisieren.

Auch die unscheinbare Kantine in „Dragón“ verweist auf ein bekanntes Restaurant am Plaza Italia in Chile. Zu Zeiten der Militärdiktatur unter Augusto Pinochet war das Restaurant ein Treffpunkt für Intellektuelle und Aktivisten. Ebenfalls unscheinbar wirkt die Assistentin (Francisca Lewin) im Stück. Sie erreicht durch ihren Input in die Gruppe so viel Einfluss und Macht, dass sie die Rolle der Regisseurin und Projektleiterin einnimmt. Unter anderem bringt sie das Thema der sozialen Klasse in die Gruppe ein und erarbeitet ein Konzept auf der Grundlage von Boals Theatertheorie. Später wird sie vom Kollektiv als Sadistin mit falscher Identität entlarvt. Die bisher namenlose Frau entpuppt sich als die verlorene Alejandra, der dritten Kopf des Drachen, und prophezeit Rückkehr und Ende des Kollektivs.

Die künstlerische Krise von „Dragón“ und das Verhältnis von Theater zu Politik verweisen auf die Krise der chilenischen Politik. Das südamerikanische Land arbeitet immer noch die Strukturen der vergangenen Militärdiktatur auf, befindet sich neben der Pandemieproblematik in einer sozialen Krise. Das neoliberale System scheint ausgedient, staatliche Strukturen brechen zusammen. Die konservative Regierungskoalition unter Präsident Sebastián Piñera steht vor dem Aus. Und genau wie Präsident Piñera, muss sich das politische Theater neu erfinden und eine „tiefe Reflexion“ vornehmen.

Dragón von Guillermo Calderón (Spanisch mit deutschen Übertiteln)
Regie und Text: Guillermo Calderón, Bühne und Licht: Rocío Hernández, Kostüm: Daniela Vargas, Mit: Luis Cerda, Camila González, Francisca Lew
Koproduktion Festival Theater der Welt Düsseldorf 2021, Teatro a Mil Foundation, Teatro UC
Dauer: 1 Stunden 25 Minuten, keine Pause, Weitere Spieltermine: 21. Juni – 4. Juli 2021, Video-on-Demand, Kartenpreis, 5 Euro, Zu Gast in der Schaubühne Berlin als Lecture am 2. Oktober 2021
www.theaterderwelt.de, www.dhaus.de, https://www.schaubuehne.de

Beitragsbild – Foto: Eugenia Paz

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