„Der Plural in mir, ist der Plural in Dir.“

Kein Bühnenbild zu präsentieren, ist irgendwie auch schon ein Bühnenbild. Zumindest bei der performativen Arbeit „The Human Condition“ von Patrick Wengenroth an der Berliner Schaubühne (Premiere: 31.August 2019). Mit dem Ensemble, Florian Anderer, Iris Becher, Matze Kloppe, Ruth Rosenfeld, nähert Wengenroth sich dem philosophischen Hauptwerk der wichtigen Denkerin Hannah Arendt. Ihr Hauptwerk in Deutsch „Vita activa – Vom tätigen Leben“ setzt den Menschen ins Zentrum ihrer gesellschaftspolitischen Analyse; weswegen es bei Wengenroth zu Beginn nichts zu sehen gibt, weil laut Arendt: „Das, was vor dem Menschen war, ist nicht Nichts, sondern Niemand; seine Erschaffung ist das Anfangen eines Wesens, das selbst im Besitz der Fähigkeiten ist, anzufangen.“

Erst die Natalität der Schauspieler füllt den Raum, in dem ihr menschliches Sein in Erscheinung tritt. Und durch das eher unpraktische Handeln von Florian Anderer, welcher zwanghaft versucht sich von seiner Sitzgelegenheit zu befreien, steht der Anfang von „The Human Condition“. Anderer, jetzt nun befreit von seinem Stuhl, steht auf der Bühne und erkennt in seinem Mensch-Sein, dass er Jemand ist. Er ist ein aktives Wesen, welches des (politischen) Handels mächtig ist. Und auch die anderen Schauspieler*innen erkennen in der Frage, was sie denn seien? Ihr Dasein an. Sie sind Jemand, so verkündet Anderer stolz, „Der Plural in mir, ist der Plural in Dir.“ Schauspielerin Rosenfeld kontert nur nüchtern, „Ich bin aber Singular“. „The Human Condition“ ist im Problem der Gegenwart angekommen.

The Human Condition“ Florian Anderer,
Foto: Gianmarco Bresadola, 2019.

Humorvoll und mit melodischer Pop-Musik kämpft sich das Ensemble durch die philosophischen Textfragmente von Arendt, um einen anthropologischen Abriss unserer Zeit zu kreieren. Der Mensch eingespannt im Gewebe Welt, ist zum animal laborans verkommen. Er definiert sich nicht mehr durch das Politische, sondern nur durch seine Arbeit und durch seinen Konsum. Der Mensch schafft es nicht mehr sich selbst zu identifizieren. Auf die Frage, was er denn sei, ist schnell eine Antwort gefunden. Aber bei der Frage, wer er sei? Beginnt seine Erkenntnisfähigkeit zu versagen. Passend formuliert Wengenroth, „Wir werden uns nicht selber treffen.“ und prompt fährt das Ensemble eine volle Ladung Spiegel auf die Bühne, während Ruth Rosenfeld in wunderschönen Tönen „I‘ll be your Mirror“ von Nicos singt.

.Die Maßstäbe des Ensembles reichen bis zu den Sternen, komplexe Texte lockern sie gekonnt mit Witz und stimmungssetzenden Gesangseinlagen. Arendts Theorie übermitteln sie verständlich mit performativen Elementen, machen Neugierig auf die Lektüre und auf eine neue Arbeit von Wengenroth.

Weitere Vorstellungen von „The Human Condition“ an der Schaubühne Berlin: 12.-14., 23., 24. September, 29., 30. Oktober 2019. Karten unter: 030 890023 oder ticket@schaubuehne.de

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