„The World is ugly, but you are beautiful“

Ohne viele Worte, aber mit viel körperlicher Arbeit, beginnt das diesjährige OUTNOW! Festival an der Schwankhalle und am Theater Bremen. OUTNOW! Ist ein Festival mit und für junge Künstler*innen, die am Anfang ihrer Laufbahn stehen. Das Festival wurde 1994 im Bremer Künstlerhaus Schwankhalle gegründet und kooperiert seit 2013 mit dem Theater Bremen und seit diesem Jahr auch mit der Bremer Hochschule der Künste. Zum Auftakt präsentiert die künstlerische Leiterin der Schwankhalle, Pirkko Husemann, mit ihrem Team, die französisch-tunesische Compagnie „Hamdi Dridi“ mit der einstündigen Tanzperformance „I listen, (you) See“. Während der Eröffnungsrede spricht Husemann vom „Leben in schwierigen Zeiten, auch für die Kunst“ und äußert sich indirekt zur rechtspopulistischen Situation in Europa. Die Kunstfreiheit befindet sich auch in Deutschland in Gefahr. Dies mögen vielleicht auch Gründe dafür sein, warum der Tänzer Houcem Boukarucha kein Visum erhalten hat und das Tänzertrio an diesem Abend zum Duo wurde. „I listen, (you) See“ ist eine Choreografie von Hamdi Lakhdher, die in mehrfachen Sinn mit der Arbeit der Körper auseinandersetzt. Hintergrund ist Lakhdhers tunesischer Herkunft. In seiner Heimatstadt wird viel gebaut und die meisten Menschen, selbst Künstler, verdienen ihren Lebensunterhalt auf der Baustelle. Mit „I listen, (you) See“ hinterfragt er die Bewegungen von Bauarbeitern und verbindet sie mit Streetdance. Dazu nutzt er den kahl-schwarz eingerichteten Raum des Kleinen Hauses am Theater Bremen. Die Konzentration liegt völlig auf den Körpern, nur wenig Licht und einige Geräusche, Presslufthämmer und Plätschern von Wasser, kommen zum Einsatz. Die Tänzer (Hamdi Lakhdher und Feteh Khiari) gekleidet, in braunen Overalls und schwarzer Arbeitsschuhe verausgaben sich, arbeiten Mundschutz und Sicherheitsbrille. Trotzdem bleibt das Gezeigte vage, die Illusion einer Baugrube will sich nicht auftun. Farbenfroh und diesmal mit Beineinsatz des Publikums ermutigte die räumliche Intervention „UTOPIA“ von Studenten der Hochschule der Künste, die OUTNOW!-Gäste zu einem interdisziplinären Spaziergang zwischen Theater und Schwankhalle. Erkundet wurden vor allem Grünflächen, welche Passanten als Hippies wirken ließen und so alternative Lebensweisen offenbarten. Angekommen im Festivalort der Schwankhalle, wurden die Zuschauer direkt mit der Kälte des digitalen Zeitalters konfrontiert. Die Künstlerin Meera Theunerts befasst sich in ihrer 30-minütigen Live-Writing-Performance „Oops i did it again“ mit der Liebe in Zeiten von WhatsApp und Tinder. Das Publikum wird zum Voyeur teilweise romantischer Chats zwischen potentiellen Beziehungspartnern. Zwischen Phrasen wie „Ich muss dir leider absagen […] Ich merke, ich muss besser mit meinen Ressourcen haushalten“ und „Ich muss das Angebot drosseln, wenn es die Nachfrage übersteigt“ bringt Theunert heutige, selbstoptimierte Beziehungsmuster auf den Punkt. Sie schreibt Sätze wie „Ich habe dich nicht gelikt. Ich habe dich nach links gewischt“ oder lässt den Eminem-Song „Superman“ einspielen, in dem die Frau zu einem belanglosen Objekt der Begierde wird – eine permanent verfügbare Ressource, die bei Missfallen ausgetauscht wird. Der Mensch als Abfallprodukt. Gelungen ist die etwas langatmige Chat-Performance, weil sie den Zeitgeist der Gegenwart erfasst, in der der Mensch alles um sich herum objektiviert und sich selbst immer mehr isoliert. Aber auch hier gilt: „The World is ugly, but you are beautiful“. Prost auf den Weltfrieden, die Liebe und willkommen bei OUTNOW!

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