Politische Gegenwart trifft neue internationale Dramatik

Innerhalb von elf Tagen präsentierte die Berliner Schaubühne mit der 19. Ausgabe ihres Festival für Neue Internationale Dramatik, kurz F.I.N.D. innovative Arbeiten von Künstlern aus Brüssel, Santiago de Chile, New York, London, Barcelona und Montréal. Im Festival-Fokus stand die Archäologie der Gegenwart; eine Forschungsreise durch politische und gesellschaftliche Umstände der gegenwärtigen Welt. Was in der letzten F.I.N.D. Ausgabe vernachlässigt wurde, bekam im diesen Jahr einen besonderen und umfangreichen Raum, wie die patriarchale Unterdrückung des weiblichen Geschlechts (unter anderem durch sexuellen Missbrauch) und das Gender als hinterfragbares Konstrukt.

 Paisajes para no colorear. Foto: Nicolas Calderon.
Paisajes para no colorear. Foto: Nicolás Calderón.

Den Einstieg in diesen Raum machte die Inszenierung Paisajes para no colorear (Santiago de Chile) von Teatro La Re-Sentida unter der Regie von Marco Layera. Gemeinsam erarbeitete der Regisseur Layera mit neun Jugendlichen zwischen 13 und 17 Jahren (Ignacia Atenas, Sara Becker, Paula Castro, Daniela López, Angelina Miglietta, Matilde Morgado, Constanza Poloni, Rafaela Ramírez, Arwen Vásquez) ein Stücktext aus Situationen, in denen sich Frauen im Alltag konfrontiert sehen. Die fragmentarischen Geschichten umfassen beispielsweise Themen, wie Borderline, Schwangerschaft, Abtreibung, Mobbing, (Trans-)Gender und sind die persönlichen Erlebnisse der Laiendarstellerinnen oder dokumentierte Auszüge von gesammelten Erzählungen aus einer Castingreihe mit 140 (jungen) Frauen. Wie in einem Mosaik reflektieren die jungen Performerinnen über das weibliche Geschlecht in der chilenischen Gesellschaft, das zu 75 Prozent der Fälle in der eigenen Familie sexuell missbraucht wird und bei 80 Prozent ist dies auch noch der eigene Vater. In Paisajes para no colorear spricht ein Mädchen über ihren Missbrauchsvorfall in der Familie. Ihr Stiefvater habe sie mit gerade mal zehn Jahren vergewaltigt. Sie wurde schwanger und musste laut Gesetz das Kind gebären. Mehr als 30 000 Abtreibungen werden jährlich illegal in Chile durchgeführt. Abtreibungen sind bis heute in Chile verboten. Feministische Gruppierungen demonstrieren gegen dieses Verbot, scheitern aber immer wieder vor den konservativen Kräften des Landes. In Schulen lernen die Schülerinnen an Übungspuppen den Umgang mit Babys, berichtet die junge Mutter Ignacia zu Beginn des Stücks. Die regierende chilenische Politik betreibt damit nur fälschlich eine Ursachenbekämpfung, unter anderem weil sie nicht die patriarchalen Struktur des Landes durchbricht, sondern stützt. Weswegen eine Spielerin im Wortgefecht ruft, >>Kein Geld für Bildung, aber für Tränengas.<<. In der Inszenierung Paisajes para no colorear werden die einzelnen unchronologischen Erzählungen temperamentvoll mit peppigen Songs unterbrochen. Sie fügen sich am Ende der Inszenierung harmonisch zu einem multiperspektivischen Bild der (chilenischen) Frau(-engeschichte). Weiter zurück in die Vergangenheit zu den intellektuellen Ursprüngen des Feminismus, reist das New Yorker Kollektiv The Wooster Group (Enver Chakartash, Ari Fliakos, Greg Mehrten, Erin Mullin, Scott Shepherd, Maura Tierney, Kate Valk) mit ihrer Arbeit THE TOWN HALL AFFAIR. Mit der Methode des Reenactments und der Struktur eines Einakters rekonstruierte das Kollektiv eine Debatte, die 1971 unter dem Titel >>A Dialogue on Women‘s Liberation<< in der New Yorker Town Hall unter der Moderation des Frauenfeindlichen Norman Mailer stattgefunden hat. Nachempfunden wurde das Reenactment mit Hilfe der Dokumentation >>Town Bloody Hall<< von Chris Hegedus und D.A.Pennebaker. Unter den Diskussionsteilnehmern war die radikale Lesbe Jill Johnston, die in ihrem Buch Lesbian Nation ein Loblied auf die homosexuelle Frau hält.

THE TOWN HALL AFFAIR Foto: Prudence Upton.
THE TOWN HALL AFFAIR
Foto: Prudence Upton.

Die homosexuelle Frau ist, nach ihrer Ansicht, die einzige Frau, die es verstanden hat, sich selbst und das weibliche Geschlecht uneingeschränkt zu lieben. Durch die Liebe zu sich selbst, emanzipiert sie sich völlig vom männlichen Geschlecht und wird unabhängig. Dokumentarisch war F.I.N.D. auch mit seiner Uraufführung von Danke Deutschland – Cảm ơn nước Đức unter der Regie von der aufstrebenden Europäerin Sanja Mitrović. In ihrer neuen Performance Danke Deutschland (…) vermischt Mitrović professionelle Schauspielkunst mit Laiendarsteller*innen aus Vietnam, um mehr über Migration zu erfahren. Dafür lässt sie die Performer*innen (Veronika Bachfischer, Mai-Phuong Kollath, Denis Kuhnert, Khanh Nguyen, Felix Römer, Kay Bartholomäus Schulze, Mano Thiravong, Lukas Turtur) ihre biografischen Hintergründe hinterfragen, um sich dem Begriff von einem deutschen Staatsbürger zu nähern. Auf Forschungsreise und mit viel experimentellen Theater ging auch das Passagierschiff >>Arctic Serenity<< in der Brüsseler Inszenierung ARCTIQUE von Anne-Cécile Vandalem/ Das Fräulein (Kompanie). Die Inszenierung spielt im Jahr 2025, eine Zeit in der Europa von Kriegen zerstört, Ressourcen knapp und das Klima sich soweit erwärmt hat, dass die schmelzenden Eiskappen vom Nordpol seltene Mineralien, wie Uran, Gas und Öl freigelegt haben. Das ehemalige Kreuzfahrschiff >>Arctic Serenity<<, welches von Kopenhagen (Dänemak ist hier nun unabhängig) mit einem Schleppboot abfährt, um in Nuuk (Grönland) in ein Luxushotel umgewandelt zu werden, erweist sich für die fünf bilden Passagiere (Véronique Dumont, Epona Guillaume, Zoé Kovacs, Jean-Benoit Ugeux, Mélanie Zucconi), die über einen anonymen Brief aufs Schiff gelockt wurden, als Horrortrip.

ARCTIQUE  Foto: Christophe Engels.
ARCTIQUE
Foto: Christophe Engels.

Mit einer geräumigen Bühne (Ruimtevaarders), die den Schiffsinnenausbau der >>Arctic Serenity<< suggeriert, einer spitzfindigen Videotechnik und einer Motto-Live-Band >>WE LOVE GLOBAL WARMING<< erlebt der Zuschauer ein intensives Schauspiel, welches mit Leinwand und Live-Kamera ein Erweiterungselement geschaffen hat; sozusagen Bild im Bild. Leinwand und Bühnenspiel verbinden sich zu einer polyperspektivischen Atmosphäre, versetzen den Zuschauer immer wieder in Spannung und ins Staunen, vor allem als ein lebendiger Eisbär in Lebensgröße auf der Bühne erscheint. Die außergewöhnliche Arbeit ARCTIQUE von Vandalem/ Das Fräulein, die etwas an den Film GHOST SHIP von den Autoren Mark Hanlon und John Pogue erinnert, hat die 19. F.I.N.D. Ausgabe hervorragend eingeläutet und Lust auf neue internationale Dramatik gemacht, was sich auch an den Rekordbesucherzahlen von 9 500 Besuchern und einer Auslastung von 98 Prozent ablesen lässt. Der künstlerische Leiter der Schaubühne Thomas Ostermeier: >>Am meisten habe ich mich über das Publikum gefreut. Es waren viele junge Leute dabei und ich habe selten so viele verschiedene Sprachen im Foyer gehört. Das ist für uns der beste Beweis, dass sich das Festival in der Stadt durchgesetzt hat.<<

Vorstellungen von F.I.N.D. 2019 im Repertoire:

Danke Deutschland – Cảm ơn nước Đức, 01.05., 02.05., 04.05., 05.05., 13.05., 14.05., 15.05., 18.06.

abgrund, 09.05., 28.05., 29.05., 30.05., 01.06., 02.06.

Karten unter: 030 890023 oder ticket@schaubuehne.de

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