Hipster auf Abwegen

In einer modisch-hochglänzenden Edelstahlküche auf der Bühne (Nina Wetzel) der Berliner Schaubühne bekochen die frischen Eltern Bettina und Matthias (Jenny König und Christoph Gawenda) das junge offene Paar, Sabine und Stefan (Alina Stiegler, Moritz Gottwald), die jetsettende Single Lady Anna (Isabelle Redfern) und den homosexuellen Mark (Laurenz Laufenberg). Unterschiedliche Alltage, Beziehungsmuster und sexuelle Orientierungen prägen die Berliner Szenemenschen. Die konstruierten Charaktere im Stück >>abgrund<< von der Dramatikerin Maja Zade sind facettenreich und ihre Gespräche schwanken zwischen Trüffelsuppe, vollmundigen Weißwein und Filmkritik, zu Religion, Faschismus und linker Politik. Fetzige Diskussionen, die sich zu ernsthaften Konflikten entwickeln oder zu intim werden, gibt es im Drama >>abgrund<< nicht. Meist bleiben die Dialoge oberflächlich. Die Szenemenschen bleiben distanziert und hüpfen von einem Thema zum nächsten, um nicht verfänglich zu werden. Kein Charakter investiert zu viel Gefühl an diesem Abend. Auch nicht als der Plot auf den dramatischen Akt der Kindstötung durch Geschwisterneid stößt.

Regisseur Thomas Ostermeier inszeniert >>abgrund<< mit einem ausgeprägten Realismus, um den gegenwärtigen Menschen und seine Gesellschaft umfassend offenzulegen. Der moderne Mensch neigt zu Distanz, Isolation, möchte flexibel bleiben, sich nicht festlegen, sich nicht involvieren. Er möchte Ich-Sein, oder doch lieber jemand anderes. Sein Ego steht im Vordergrund, aber am besten ist alles ganz unverfänglich und gleichzeitig irgendwie doch mittendrin. Gut erkennbar wird der moderne Mensch in Sabines Verhalten. Sie weist ängstlich das Telefonat von der verzweifelten Bettina ab, um nicht in ein Problem miteinbezogen zu werden. Der Mensch ist da und engagiert, aber nur insoweit es für ihn nützlich ist. Ostermeier greift für seine realistischen Phänomene, unter anderem auf einen PVC-Vorhang zurück und bespielt diesen mit Filmaufnahmen, die sich mit weiteren Filmaufnahmen kreuzen. Vereint wirken die Bilder dreidimensional. Eine Live Kamera projiziert dramatische Momente und Gefühle auf die Wand. Zwar sind die Stimmungen intensiver sichtbar, werden aber gefiltert, sodass Empathie verloren geht. Emotionen sind an diesen Abend minder erfahrbar.

Ensemble. Foto: Arno Declair.

Die am Publikumssitz installierten Kopfhörer spielen Ton und Musik in Stereo und verstärken somit das Hörerlebnis; andererseits entfremden sie vom Schauspiel. Mannigfache Überschriften und Stimmungen sorgen für andere Settings und geben Gesprächsthemen an. Realismus und zeitliche Chronologie schwinden mit der Einführung des zweiten Plots; in dem das Kleinkind Pia (Tabea Fromholz / Lucy Kip / Nele Richter) ihre Mutter Bettina aufdringlich nach Mich fragt, während sie ihre kleine Schwester Gertrud stillt.

 

Regisseur Ostermeier und Zade haben mit der Inszenierung >>abgrund<< ein gutes Abbild unserer (Berliner) Gesellschaft geschaffen. Hin und wieder macht die emotionale Distanz einige Szenen zu Abbildern aus einem Möbelhauskatalog. Stärkt damit aber den immanenten Appell an den Zeitgeist.

 

 

>>abgrund<<, Schaubühne Berlin, Weitere Vorstellungen: 17.04., 19.04., 21.04.,22.04.,09.05., 28.05., 29.05.,30.05.2019. Karten unter: 030 890023 oder ticket@schaubuehne.de

 

 

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