Musiktheater für Körper und Geist

Leichter weißer Nebel umhüllt die silberfarbene Discokugel, welche sich zu elektronischen Sounds dreht. Farbige Wasserbälle, Perlen, Luftballons und Kerzenleuchter schmücken den ansonsten düsteren Club in der Hildesheimer Kulturfabrik Löseke. Die Einrichtung schwankt zwischen kunterbunter Geburtstagsfeier und dunkler Tropfsteinhöhle. In entspannter Atmosphäre spielen vier Tänzerinnen auf Podesten mit Wasserbällen. Die Tanzfläche lädt zum Tanzen ein. Und sie füllt sich schnell mit weiteren Tänzern. Diese bewegen sich im Rhythmus der Musik, die immer häufiger das Wort „Relax“ zwischen ihren Sounds ertönen lässt. Tänzerinnen und weitere Teile des Publikums versuchen sich über Bewegung und Musik in die studentischen Produktion >>Technotopia<<, eine musikalische Utopie zwischen Techno und Oper, einzufinden.

Das künstlerische Team um die Regisseurin Nora Kümel hat sich mit seinem performativen Experiment >>Technotopia<< eine synthetische Reise in die Welt von zwei gegensätzlichen musikalischen Genre – im Abendzettel sind Techno und Oper genannt – vorgenommen. Die musikalische Utopie beschreibt die Suche nach einer bewussten und modernen Lebensweise mit den Erkenntnisstufen vom griechischen Philosophen Platon, welche er unter anderem in seinem >>Höhlengleichnis<< beschreibt, und mit der Kapitalismuskritik von Erich Fromm – hier wird explizit Fromms Schrift >>Haben oder Sein<< erwähnt –.

Das Musikttheater>>Technotopia – Bass auf die Seele und essentielle Fragen für den Geist<< ist ein großangelegtes Projekt für Körper und Geist und hält nur wenig von seinen angekündigten Versprechungen ein. Statt Techno, werden elektronische Beats, Pop oder alternativer Gesang gespielt, und von der Oper sind nur einige soprane Arien von der Sängerin Rebecca Schettler zu hören. Beide gegensätzliche Genre finden an diesem Abend nicht harmonisch zusammen, sondern stehen im starken Kontrast zueinander. Die vom Team erwähnte Dramaturgie (Michael Geißelbrecht), eine Anlehnung an die Erkenntnisstufen von Platons Höhlengleichnis, ist nicht zu spüren oder zu sehen. Stattdessen ist das performative Experiment >>Technotopia<< von harten und unschönen Übergängen geprägt, die kein wirkliches Konzept verraten. Auch die einstudierten Bewegungen der Performerinnen (Felice Kaufmann, Julian Mandernach, Nora Müller, Danijel Szeredy), die fast vollständig die Inszenierung einnehmen, lassen nur spekulative Interpretationen zu. Mal bewegen sich die Performerinnen ohne Mimik maschinell, mal erinnert ihre Choreografie (Pia Kröll) an ein Tai Chi Workout oder an einen Fitnesskurs. Insgesamt bekommt das Publikum wenig Auskunft über die Welt von >>Technotopia<<. Die vom Tonband eingespielte Konsumkritik von Erich Fromm an unserer Überflussgesellschaft, wirft eher weitere Fragen auf, wie die nach unserem passiven Konsumverhalten von Kultur und von der Vielzahl an Kulturangeboten. Die offengelegten Fragen bringen die Vielzahl an Kulturangebote in eine existentielle Erklärungsnot, was von Fromm so nicht intendiert war. Einziger Hoffnungsschimmer und Höhepunkt der Inszenierung >>Technotopia<< ist der etwas zu kurz geratene Gesang von Rebecca Schettler und ihrem kleinen Orchester (Katie Campbell, Anne Rünz, Elias Wastzecha).

 

>>Technotopia<<: Kulturfabrik Löseke e.V., weitere Vorstellungen: 25.10.2018 um 21 Uhr Karten an der Abendkasse oder bei einer Vorverkaufsstelle: http://www.kufa.info/vorverkaufsstellen/.

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