„The body is a living archiv“

Ganz Berlin befindet sich im Tanzrausch. Das Berliner Tanzfestival Tanz im August feiert sein 30-jähriges Jubiläum. Ergreifende Tanzlegenden, wie das Pina Bausch Tanztheater aus Wuppertal/ Alan Lucien Øyen, faBULEUS/ Michiel Vandevelde oder Company Wayne McGregor, sind zu Gast beim diesjährigen Festival und erfreuen das Publikum bis zum 2. September 2018 an unterschiedlichen Berliner Spielorten mit ihren Arbeiten.

Festivalleiterin, Virve Sutinen hat das 30-jährige Jubiläum von Tanz im August mit dem Ballet de l‘Opéra de Lyon und ihrem Stück Trois Grandes Fugues am 10. August 2018 im Haus der Berliner Festspiele eröffnet. Dieses Jahr präsentiert Sutinen mit ihrem Team 30 Produktionen, darunter fallen vier Uraufführungen und 16 Deutschlandpremieren. Dazu zählen auch die bahnbrechenden Arbeiten von Ola Maciejewska, BOMBYX MORI und von Company Wayne McGregor, Autobiography, die in der Eröffnungswoche zu sehen waren.

Die Arbeit von Ola Maciejewska BOMBYX MORI orientiert sich an der Avantgardistin Loïe Fuller, die in ihrer Performance Serpentine Dance mit einem meterlangen Stoff eine Choreografie entwickelte. Maciejewska hat in BOMBYX MORI, das die lateinische Bezeichnung für Seidenspinner ist, von der Kostümbildnerin Valentine Solé ein meterlanges Seidengewand entwerfen lassen, in dem die drei Tänzerinnen (Amaranta Velarde Gonzales, Keyna Nara und Maciej Sado) sich wie eine Raupe aus einem Kokon wickeln. Ihr Seidengewand ist ein Teil ihres Körpers geworden. Mit ihren Bewegungen formen die Tänzerinnen unterschiedliche Figuren und lassen abstrakte Bilder im Kopf der Zuschauer entstehen. Der Effekt der Fantasieanregung intensiviert sich über das gedimmte Licht. Choreografin Maciejewska versucht über einen geringen Einsatz von künstlerischen Mitteln, gezielt die Fantasie der Zuschauer anzuregen. Neben wenig Lichteinsatz, setzt sich der Sound aus den Atemgeräusche der Tänzerinnen und dem Flattern der Kleidung zusammen. Viele der choreografischen Elemente sind synchron und wirken im Verlauf der Inszenierung etwas langatmige und haltlos unter den vielen abstrakten Bildern. Eine Erzählung und Dramaturgie lassen sind in BOMBYX MORI nur schwer erkennen, sodass die Performance von 80 Minuten gefühlt zäh ist und schwer zugänglich erscheint. Erst in der letzten choreografischen Sequenz wirken Bewegungen, Sound und das Seidengewand mit den Tänzerinnen kraftvoll und erzeugen Spannung.

 

 

Ein besonderes Highlight in der Eröffnungswoche von Tanz im August war Autobiography von Company Wayne McGregor. Mastermind Wayne McGregor ist eine Koryphäe der internationalen Tanzszene. Er arbeitet und lebt in London und ist bekannt für seine innovativen Choreografien, in denen er versucht das Leben durch den Körper zu erfahren. Für seine Arbeit Autobiography hat McGregor seinen genetischen Code entschlüsseln lassen und über diesen einen Algorithmus geschaffen, der aus 23 choreografischen Szenen das Werk Autobiography formt. Laut der Dramaturgin, Uzma Hameed sind nur Anfang und Ende von Choreografie festgelegt. In welcher Reihenfolge die anderen Sequenzen getanzt werden und von welchem Künstler, entscheidet der Algorithmus. Keine Vorstellung ähnelt der anderen; darauf ist das System programmiert. Es gibt 24 000 unterschiedliche Möglichkeiten von der Choreografie, weshalb die Arbeit, ein choreografisches Experiment in Kombination von Genetik und Robotik ist. McGregor thematisiert damit das gelebte Leben über welches der Mensch die Kontrolle verliert und lernen muss, mit diesem Kontrollverlusts umzugehen. Dies macht es vor allem für die zehn Tänzer*innen zu einer großen Herausforderung. Zu dem ist die Choreografie eine Hommage an den amerikanischen Künstler Merce Cunningham, der als erster Software für seine Choreografien verwendet hat.  

Company Wayne McGregor >>Autobiography<< Foto: Andrej Uspenski.

Eingerichtet auf einer schwarzen Bühne (Ben Cullen Williams) mit Pyramiden(-leuchten) an der Decke, werden die 23 einzelnen Sequenzen vom Elektrosound der Musikerin Jlin begleitet. Bühne und Musik harmonieren mit den einzelnen Bewegungen der Tänzer*innen und den installativen Projektionen. Zusammen erreichen die einzelnen Elemente eine hochkarätige Ästhetik, die sich nur schwer übertreffen lässt. In McGregors Arbeit trifft klassisches Ballett auf zeitgenössischen Tanz. Die Bewegungen wirken sanft, mechanisch und zugleich dynamisch. Sind geprägt von Pirouetten und Attitüden. Die Tänzer*innen legen mit ihren Bewegungsstrukturen die Komplexität der menschlichen DNA frei, was unglaublich faszinierend aussieht und die Tiefe Thematik von Autobiography widerspiegelt, in der der Körper als Archiv des Lebens verstanden wird.

Das Programm von >>Tanz im August<< ist online unter: https://www.tanzimaugust.de/programm/ einsehbar. Karten unter: Tel. +49 (0)30.259004 -27 oder an der Abendkasse erhältlich.

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