Durch die Augen eines Kindes

Mit FIVE EASY PIECES (UA 14. Mai 2016, Kunstenfestivaldesarts Brüssel) kreieren Milo Rau, sein International Institute of Political Murder (IIPM) und das Art Center CAMPO ein realistisches Theater, in dem sie mit jungen Schauspieler*innen und dem Material von Betroffenen Leben und Wirken des belgischen Kindermörders Marc Dutroux nachstellen.

Wie in einer Casting-Show lässt Peter Seynaeve die jungen Darsteller*innen (Rachel Dedain, Maurice Leerman, Pepijn Loobuyck, Willem Loobuyck, Polly Persyn, Elle-Liza Tayou, Winne Vanacker) reihenweise vorsprechen.

Soll ich etwas auf dem Akkordeon vorspielen? – Nein, Danke!

Wir erfahren etwas über ihre Vorlieben, Talente und Ängste.>>Wovor hast Du Angst? – Vom Sterben.<< Das aus dem Mund eines jungen Menschen zu hören, der noch ganz am Anfang seines Lebens steht, ist schon etwas bedrückend. Zeigt aber die enorme Reflexionsfähigkeit eines Kindes und gibt der Inszenierung einen Raum für existentielle Fragen und philosophische Diskussionen. Der Zuschauer bekommt dadurch die Möglichkeit die Welt durch die Augen eine Kindes zu sehen, zu fühlen und zu verstehen. Kinder werden zu besseren Erwachsenen, in dem sie ganz offen und ohne Furcht über ihre Emotionen und Erlebnisse sprechen. Dabei lockern Zynismus und Witz immer wieder die melancholische Stimmung auf.

Wer möchte was spielen? – Ich möchte alt und krank sein.

Spielerisch über das Erlernen der Schauspielkunst, nähert sich das Team der Biografie Marc Dutroux und schafft fünf Stücke, die unter die Haut gehen. Fünf Übungen, in denen die jungen Schauspieler*innen das Leben und Wirken des belgischen Kindermörders nachstellen. FIVE EASY PIECES trifft mit seinen jungen Talenten mit äußerster Präzision in die offene Wunde des Falls Dutroux. Kinder erzählen über das Leben eines Sexualstraftäters und Kindermörders. Den Gipfelpunkt der Tragik erreicht FIVE EASY PIECES im dritten Teil, als die junge Schauspielerin Rachel Dedain den Brief eines betroffenen Mädchens vorliest. Das Mädchen (Rachel Dedain) befindet sich gefangen im Keller Dutroux, sitzt nackt auf der Matratze. In einem Video, welches von einem erwachsenen Darsteller (Peter Seynaeve) gedreht wird, sagt sie, dass der Mann möchte, dass sie Spaß am Sex habe und verabschiedet sich unter Tränen von ihren Eltern. Diese Szene schockt; weil sie so real zu sein scheint und wirft die Frage auf, was dürfen Kinder auf der Bühne leisten? – Oder liefert viel mehr die Antwort, dass auch junge Menschen hervorragende und leistungsstarke Schauspieler*innen sein können und es manchmal junger Akteure bedarf, um die Grausamkeit der Realität zu verdeutlichen, beziehungsweise das Reale verständlich zu vermitteln. Die Sensibilität und Professionalität die Rau und sein Ensemble im Umgang mit Kindern bei FIVE EASY PIECES zum Ausdruck bringen, in dem sie die permanente Anwesenheit eines Kinderpsychologen und einer vertrauten Bezugsperson gewährleisten, spricht zusätzlich für seine komplexe und durchdachte Arbeitsweise.

Stell Dir vor: Du bist Mutter und Dein Kind stirbt? Was fühlst Du?

Das hyperreale Reenactment FIVE EASY PIECES, welches Rau mit seinem Team konzipiert hat, ist nicht nur eine lobenswerte Arbeit, weil es sich durch schwerwiegende Thematik und außergewöhnliche Herangehensweise auszeichnet, sondern auch weil es verschiedene Problemfelder aufreißt und unterschiedliche Perspektiven ermöglicht.

FIVE EASY PIECES| Spieltermine in Deutschland| 1.-3.10.2016 Münchner Kammerspiele| Karten unter: theaterkasse@kammerspiele.de oder 089 / 233 966 00. Weitere Termine: http://international-institute.de/termine/

Die Performance gastierte an den Sophiensaelen in Berlin vom 1.-3. Juli 2016 (http://www.sophiensaele.com/index.php?hl=de).

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