Blick hinter die Jalousien

Die Compagnie „Epik Hotel“, zu der hauptsächlich die junge französische Regisseurin Catherine Umbdenstock und die Bühnen-und Kostümbildnerin Elisabeth Weiß gehören, feierten mit ihrer zweiten Inszenierung „Pornographie“ eine außergewöhnliche Premiere am 30. Oktober 2015 in der Kapelle des Schlosstheater Moers.

London 2005: Mitten in der Großstadt blicken wir auf drei Fenster, in drei Zimmer und Wohnungen, in denen Menschen ihren Alltag verbringen. Wir blicken hinter die Fassade; in das Leben der einzelnen Persönlichkeiten mit ihren intimsten Gedanken, die zeigen, wie psychotisch, problematisch und terroristisch ihr Dasein geworden ist. Da ist eine berufstätige Mutter (Marissa Möller), die sich neben ihrem Job, um ihren Sohn und ihren Mann kümmert. Ihr Mann ist abwesend. Nimmt sie nicht wahr. Und in ihrem Beruf scheint ihre Arbeit nicht gewürdigt zu werden, weswegen sie anfängt ihre Firma zu betrügen. Währenddessen verliebt sich ein Schüler (Matthias Heße) aus zerrütteten Familienverhältnissen in seine Lehrerin, beginnt sie zu stalken und zu attackieren. Andernorts in London trifft eine Studentin (Marissa Möller) auf ihren ehemaligen Professor (Frank Wickermann), der sie zum Sex nötigt und nebenher hat ein homosexuelles Geschwister-Paar (Frank Wickermann, Matthias Heße) gemeinsam Sex. Wie ein Countdown lässt die Regisseurin Catherine Umbdenstock die großen Monologe und zwei Dialoge von ihren Schauspielern auf die Bühne bringen. Der Countdown bis zum 7. Juli 2005. An dem Tag, wo vier Selbstmordattentäter während des Londoner Berufsverkehrs vier Bomben explodieren lassen. Die Regisseurin zeigt mit ihrer „Pornographie“-Interpretation, die in enger Verbindung zum Bühnenbild (Elisabeth Weiß) steht, dass die Allgegenwart des weltweiten Terrors ein Teil unseres Bewusstsein geworden ist, in dem wir regelmäßig Terror produzieren und einen gepflegten Extremismus ausleben. Die unterschiedlichen Großstadtmenschen zeigen mit ihren Gedanken und Geschichten, dass Regelverstöße, Tabubrüche und der Missbrauch des Anderen als Objekt, Alltagsjargon geworden sind. Darin liegt die Obszönität und die eigentliche Pornografie.

Wir brauchen keine Terroristen, wir arbeiten selbst an unserer Auflösung“ (Simon Stephens), ist nicht nur das Leitmotiv der Inszenierung, sondern wird in ganzer Bandbreite von der talentierten Schauspielerin Marissa Möller umgesetzt. Als komplettes Nervenbündel präsentiert sie uns eine nervöse, psychotisch, angespannte Mutter, die vom Alltag überwältigt wird und nicht die geschätzte Anerkennung bekommt. Dabei wechselt die Darstellerin in ihrem großen Monolog nicht nur zwischen mehreren Emotionen und zieht somit die gesamte Aufmerksamkeit auf sich, sondern durch das Pendeln zwischen Gedanken, Aussagen und verschiedenen Persönlichkeiten, die im Monolog vorkommen, spannt sie eine Kurve, die mit Hilfe der anderen Darsteller bis zum Ende getragen wird. Fast hätte man vergessen, dass man in der Moerser Kapelle und nicht in London als Stalker hinter die Jalousien diverser Charaktere blickt.

[caption id="attachment_542" align="aligncenter" width="450"]STM_Pornographie: Matthias Heße, Frank Wickermann. Foto: Jakob Studnar. STM_Pornographie: Matthias Heße, Frank Wickermann. Foto: Jakob Studnar.[/caption]

Die Inszenierung „Pornographie“ erreicht ihren gesellschaftskritisch-obzönen Höhepunkt, in dem das Geschwister-Paar, Bruder und Schwester, von zwei Männern gespielt wird. Matthias Heße als Trans*Frau verführt ihren Bruder, Frank Wickermann. Neben der Inzest-Problematik, mit der Umbdenstock hervorragend den Extremismus zuspitzt und Stephens Aussage „Mit dem heutigen Tag, greift das Gesetz nicht mehr“ auf eine moralische Ebene bringt, ist das Auftauchen von Matthias Heße als Trans*Frau ein gelungener genderkritischer Ansatz, der den Abend und die Inszenierung prägt und einzigartig macht. Dem Inszenierungsteam gelingt es unter Berücksichtigung von Minderheiten, das Stück „Pornographie“ ins heutige Zeitalter zu übertragen und aufzuzeigen, dass jeder von uns ein kleiner Extremist ist, und wir keine Terroranschläge für einen Terrorismus brauchen, der unsere Gesellschaft und Geschichte prägt.

Die nächsten Spieltermine für „Pornographie“| Schlosstheater Moers| 22.12., 4.12., 12.12.2015 Karten unter: 02841/ 8834-110 oder unter info@schlosstheater-moers.de.

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