Ein melancholisches Lied von der Heimkehr – Die Hohe Kunst des Delecroix

Patrick Delcroixs hochartifizielles Ballett „Die Odyssee“ feierte mit stürmischen Ovationen am 18.4.2015 im Aalto Ballett Essen seine Uraufführung.

Homers „Odyssee“ ist zweifelsohne ein Klassiker und den meisten ist der Epos von König Oysseus aus Ithaka, der mit seinen Gefährten in den Trojanischen Krieg zieht und seine Familie in Ithaka zurücklassen muss, bekannt. Der französische Chroeograf Patrick Delecroix bearbeitet Homers Epos zu einem zeitgenössischen Handlungsballett in ganz großen Stil, in dem er das Innenleben der Charaktere samt Beziehungen zueinander herausarbeitet und so die intimen Momente und Gefühle durch Bewegungen dem Publikum näherbringt. Die langsame und minimalistische Musik, unter anderem von den Künstlern David Lang, Ben Frost und Ólafur Arnalds unterstreicht nicht nur die dramatischen Momente, sondern ist das Sahnehäubtchen der einzelnen Szenen. So wird die Tanzszene zwischen den suchenden Telemachus (Viacheslav Tyutyukin) und der wegweisenden Athene (Michelle Yamamoto) zum absoluten Highlight, weil der Tanz vollends in der Musik von Dustin O’Halloran „We Move Lightly“ aufgeht und Delecroixs herangehensweise Gefühle durch Bewegungen auszudrücken, hier seine Offenbarung findet. Das ist ein Momente, in dem das Bühnenbild sich etwas zurücknimmt, sodass die Künste Tanz und Musik in den Vordergrund rücken und die zeitgenössische Tanzsprache von Delecroix ausdrucksstark wird.

[caption id="attachment_422" align="aligncenter" width="660"]Viacheslav Tyutyukin (Telemachus), Michelle Yamamoto (Athene)_Foto: Bettina_Stöß. Viacheslav Tyutyukin (Telemachus), Michelle Yamamoto (Athene)_Foto: Bettina_Stöß.[/caption]

Aber auch die Szene in der Odysseus (Tomáš Ottych) bei Hades angekommen ist, voller Schmerz den Schatten seiner toten Mutter (Yulia Tsoi) erblickt und mit ihren Schatten und schließlich mit ihr selbst zu den Klängen von A Silver Mt. Zion tanzt, spiegelt die Trauer von Mutter und Sohn hervorragend wieder. Der Choreograf schafft mit dem perfekten Zusammenspiel von Musik und Tanz eine mitreißende Szenerie und verzaubert die einzelnen Zuschauer mit seinem Talent.

[caption id="attachment_423" align="aligncenter" width="660"]Tomáš Ottych (Odysseus), Yulia Tsoi (Antikleia)_Foto: Bettina Stöß. Tomáš Ottych (Odysseus), Yulia Tsoi (Antikleia)_Foto: Bettina Stöß.[/caption]

In Delecroixs Interpretation löst Athene, die Schutzgöttin von Odysseus, die Irrfahrt aus, weil sie erzürnt ist über die Kriegsverbrechen von Odysseus‘ Gefährten (Liam Blair, Davit Jeyranyan, Simon Schilgen, Wataru Shimizu, Denis Untila). Athene schickt Odysseus mit seinen fünf Männern zu den Lotophagen, ins Land der Kyklopen, zur Zauberin Kirke (Julia Schalitz) und ins Totenreich. Sie müssen den Kampf mit dem sechsäugigen Meeresungeheuer Skylla (Adeline Pastor, Carla Colonna, Alena Gorelcikova, Yusleimy Herrera León, Yuki Kishimoto, Yanelis Rodriguez) aufnehmen, den nur Odysseus überlebt. Gestrandet auf der Insel Kalypsos, lernt er eine Meernymphe kennen, die ihn sieben Jahre lang gefangen hält. Erst mit Athenes Hilfe findet Odysseus zurück nach Ithaka und somit zu seiner Frau Penelope (Elisa Fraschetti), der er erneut seine Liebe beweisen muss. Delecroix versucht die Geschichte chronologisch zu erzählen, wobei er in der chronologischen Darstellung parallele Erzählungsstränge hineinflechtet und diese auch parallel in Szene setzt. Diese Vorgehensweise erhebt den narrativen Charakter des Balletts, lässt aber manchmal einige wundervolle Tanzszenen in den Hintergrund rücken, was Schade ist. Auch Licht und Bühne von Kees Tjebbes mit Segel, Projektionen, rot-violetten Blumenregen, Schiff und dem Spiel mit den Leinwänden und dem Licht sind ein wahres Meisterwerk. Doch leider verschiebt sich die Aufmerksamkeit, die den Tänzern zugutekommen sollte, manchmal zu sehr Richtung Bühne. Neben der hervorragenden Musik, den Tänzern und der Bühne, harmonieren auch die Kostüme zu den Choreografien, zur Geschichte und zum Bühnenbild. Die Kostümbildnerin Bregie van Balen schafft eine Reihe von Kostümen mit unterschiedlichen Stilen, die sich an die jeweiligen fiktiven Charakteren anpassen, ohne dass es aufgesetzt oder befremdlich wirkt. Jedes einzelne Kostüm passt sich perfekt dem Geschehen an und hilft die einzelnen Charaktere zu identifizieren.

Delcroixs Ballett „Die Odyssee“ ist ein melancholischens Lied. Ein Lied von der Heimkehr Odysseus, in der die Liebe zwischen Penelope und Odysseus im Vordergrund steht. Sie beschreibt ein Sehnen nach dem Geliebten und die Ungewissheit, ob dieses Sehnen auf Gegenseitigkeit beruht und ob die Sehnsucht sich in inniger Liebe wandelt. Die gesamte Geschichte mit all ihren Gefühlen beschreibt Delcroixs allein durch Bewegungen, Blicken und untermalt diese mit Musik. So wird sein Ballett zu einem herausragenden Kunstwerk, das man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte.

[caption id="attachment_424" align="aligncenter" width="660"]Tomáš Ottych (Odysseus), Elisa Fraschett (Penelope)_Foto: Bettina_Stöß. Tomáš Ottych (Odysseus), Elisa Fraschett (Penelope)_Foto: Bettina_Stöß.[/caption]

Aalto Ballett Essen| Die Odyssee (UA) von Patrick Delcroix| Do. 23.4., 19.30h| Sa. 25.4., 19.00h| Mi. 29.04., 19.30h| Mi. 29.4., 19.30h| Mi. 13.5., 19.30h| So. 17.5., 19.00h| Do. 11.6., 19,30h| Sa. 27.6., 19.00h| Karten unter: T 02 01 81 22-200 oder tickets@theater-essen.de

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