„Preparatio Mortis“ – Tanz den Tod!

Preparatio Mortis“ von Jan Fabre als Auftakt für das ASPHALT – Sommerfestival für Theater und Musik in Düsseldorf.

Alles verdunkelt sich. Es wird düster. Stockdunkel. Und inmitten der blumig-duftenden Dunkelheit dröhnt in penetranten Klängen die Orgelmusik von Bernard Foccroulle aus den Boxen. Die Musik ist laut. Und die empfunden Dissonanzen machen das Warten auf ein bildliches Etwas unerträglich. Der schwarze Vorhang öffnet sich und offenbart ein Blumenbeet, das in dieser Finsternis, wie ein atemberaubendes Schwarz-Weiß-Bild von einem Blumenbeet wirkt. In der Mitte dieses Beetes befindet sich ein blumenbeschmücktes Katafalk, worauf ein Sarg aus Blumen steht. Nach einigen weiteren Klängen von Foccroulle beginnt der Blumensarg sich zu bewegen – leider nicht im Rhythmus der Musik – und das sanfte Licht, welches auf den Sarg scheint, wird nach und nach kräftiger. Der Blumensarg wirkt lebendig und erinnert an die Verrenkungen eines chinesischen Drachens. Langsam wird die Orgelmusik milder. Und aus den Blumen erblickt eine Hand das zarte Licht der Leuchte. Ein Arm. Zwei Arme. Beine. Kopf. Schließlich ein ganzer Mensch regt und streckt sich aus den Blumen heraus. Rutscht mit krampfhaften Bewegungen auf dem Katafalk herum und begibt sich tänzerisch zum geometrisch angeordneten Blumenbeet hinab. Die aus den Blumen entsprungene Tänzerin (Annabelle Chabon) demonstriert dem Zuschauer nicht nur die perfekte Beherrschung ihrer Glieder und Muskeln, sondern lässt ihren adonischen Körper in vollen Glanz erstrahlen.

[caption id="attachment_301" align="aligncenter" width="800"]ASPHALT-Preparatio_Mortis_2-foto-Achille_Lepera >>Preparatio Mortis<<, Annabelle Chambon, Foto: Achille Lepera.[/caption]

Plötzlich bricht das freudige Spiel mit den Blumen und wandelt sich zur mutwilligen Zerstörung des Beetes. Über Mimik und Gestik vermittelt die Tänzerin dem Zuschauer Gefühle von Verachtung, Leiden, Wahnsinn und Liebe. Der Körper ist total angespannt und unter Zuckungen legt die Darstellerin das mit Blumen verzierte Katafalk frei, was nun ein gläserner Sarg ist. Das Licht geht aus. Und nach einigen Minuten befindet sich die Tänzerin – nun nackt – im leuchtenden, gläsernen Sarg. Um ihr herum schwirren viele Schmetterlinge, mit denen sie tänzerisch spielt. Sie beginnt mit weißer Farbe einen Stier, über ihm ein Pfeil mit Bogen, neben beiden ein ejakulierenden Mann und eine wollüstige Frau auf das Glas zu malen. Die Symbole von Fruchtbarkeit, Liebe und Sex deuten auf Schöpfung beziehungsweise Gebären hin, sprich auf das (neue) Leben, welches die Tänzerin mit den Worten „I love you“ und mit Küssen beendet.

Das Stück PREPARATIO MORTIS (UA Festival Avignon 2005) von Jan Fabre übersetzt das Paradoxe-Verhältnis von Leben und Tod in eine mitfühlende Poesie des Tanzes. Und veranlasst somit den Zuschauer sich mit seiner eigenen Sterblichkeit, der Vergänglichkeit und der Lust am Leben im Sinne der barocker Motive zu befassen. Allgemein gilt Jan Fabre nicht nur als extrem wandlungsfähiger Künstler, sondern wie PREPARATIO MORTIS zeigt, sind seine Produktionen von schlichter atemberaubender Schönheit geprägt, die sich meist Radikalen- oder Tabuthemen zuwenden. Auch wenn die Orgelmusik von Bernard Foccroulle in einigen Szenen zu penetrant auftritt und man eine Neigung zu Orgelmusik besitzen muss, um die ganzen musikalischen Klänge von ihm zu mögen, unterstützt sie doch gut die barocken Topoi und unterstreicht die Bewegungen der französischen Tänzerin Annabelle Chabon. An dieser Stelle möchte ich die Solokünstlerin für ihre außerordentlich gelungene Leistung und ihren Mut loben. Nur selten erlebt man Sterben so bildreich und ausdrucksstark. Unerklärlich bleibt, warum der Hintergrund des gläsernen Sargs das Datum 1.7.1975 trägt.

[caption id="attachment_300" align="alignright" width="800"]ASPHALT-Preparatio_Mortis_1-foto-Achille_Lepera >>Preparatio Mortis<<, Annabelle Chambon, Foto: Achille Lepera.[/caption]

ASPHALT – Sommerfestival für Theater und Musik in Düsseldorf (8.-17. Aug. 2014): http://www.asphalt-festival.de/

Preparatio Mortis“ von Jan Fabre Sa. 9. August 2014 | Düsseldorf (Alte Farbwerke, Halle 21) | 20 uhr

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