Nackte Körper als Revolutionsflächen

„designed desires“ von Claudia Bosse/ theatercombiat am 26. September 2013 im Düsseldorfer „Venus & Apoll“. Diese Veranstaltung vom FFT Düsseldorf ist der zweite Teil der Produktionsreihe „Public Bodies“, welche im Juni mit Keren Levis „The Dry Piece“ begonnen hatte. [caption id="attachment_194" align="aligncenter" width="300"]Claudia Bosse_designed desires_Credit Claudia Bosse_1847_kle Claudia Bosse_designed desires[/caption] Vieles ist anders. Keinen eigentümlichen Zuschauerraum, sondern die Location eines ehemaligen Kosmetikstudio macht sich die Inszenierung „designed desires“ von Claudia Bosse/ theatercombiat zu eigen. Das Ende des Raumes öffnet sich zu einer flachen Bühne, die mit einem Blümchenteppich und bunten Lichtbändern geschmückt ist. Auf der Bühne sitzt auf einem goldenen Stuhl eine Frau, welche in einem indianischen Stil gekleidet ist. Sie gestikuliert und steht schließlich auf, um die umliegenden Schaufenster von den Vorhängen zu entkleiden. Hinter den Schaufenstern stehen Menschen. Bewegen sich zu den Klängen, die der Musik von Anne Clark ähneln. Irgendwie erinnert alles an ein Horrorkabinett voller Irrer, doch schon bald entpuppt sich das Horrorkabinett als ein Gebäude mit unterschiedlich gestaltenden Räumen, die als Zuschauer- und Inszenierungsflächen dienen. So wird der Zuschauer in „designed desires“ zum aktiven Rezipienten. Er nimmt teil am inszenierten Geschehen, beispielsweise als Zuhörer von persönlichen Dialogen der Darsteller*innen über exzessiven Gruppensex oder Magenbeschwerden bis letztlich zu politischen Statements und Erlebnissen vom Erdbeben mit anschließenden Super GAU am 11. März 2011 in Fukushima. Der Rezipient wählt und entschiedet seine Perspektive selbst, sowie er selber entscheidet welche*r Darsteller*in er folgen möchte. Vielleicht in den Keller zu einer Orgasmus-Orgie, Sylvia Plaths Gedichten oder der Narration von berauschenden Gruppensex als erlebniswürdige Kommunenerfahrung. Die Regisseurin Claudia Bosse versucht die Fragen: Wie verhält sich der Zuschauer zu dieser Raum- und Soundinstallation, zu dem Überangebot an Wort- und Gedankenfetzen? Wie geht der Rezipient mit diesem Handlungsspielraum um? Mit „designed desires“ versucht sie diese Fragen zu beantworten, indem sie (inspiriert von Edward Bernays Schrift „Propaganda“) Sehnsüchte, Begehren und Imaginationen des eigenen sowie der anderen Körper choreografisch darstellt und den Rezipienten in den Konflikt führt, ob diese Sehnsüchte seine eigenen sind oder doch eher einer medialen oder gesellschaftlich erzeugten Natur entsprechen. Neun Performer zwischen 27 und 78 Jahren sorgen im „Venus & Apoll“ für viele intime Situationen und lassen den Körper zu Klang werden. Als eine Stimme, mit dessen Hilfe der Mensch die Welt wahrnehmen und verändern kann. Der Körper wird in „designed desires“ zum Bild, zu einer biografischen Landschaft und zu einer beschriebenen Fläche, die das Individuum in einer spätkapitalistischen Gesellschaft handlungsfähig werden lässt. [caption id="attachment_199" align="aligncenter" width="300"]Claudia Bosse_designed desires_Credit Christian Herrmann_474 Claudia Bosse_designed desires_Christian Herrmann[/caption] Körper wird zu Klang. Körper wird zu Bild, zur Textfläche einer Revolution. Wir befinden uns in einem politischen Konsumismus der Postdemokratie. Welchen Spielraum nimmt unser Körper ein? Wie kann sich unser Körper politisch äußern? – In der Inszenierung „designed desires“ tritt der Körper in das prekäre Verhältnis von Intimität und Öffentlichkeit ein und veranschaulicht dem Zuschauer die Veränderung der Wahrnehmung des Körpers in unserer medialen Welt, die geprägt ist von Pornografie und Folter im Internet oder Femen-Aktivistinnen. Der Körper wird in „designed desires“ zum zentralen theatralen Element der Inszenierung und löst weitgehend Musik, Text und Bild ab. Er verkörpert Klänge, nimmt politisch Stellung und versinnbildlicht einen manipulierbaren Stoff. Neben verschiedene Sprachen [Englisch, Französisch, Deutsch, Japanisch] als postdramatisches Stilelement, pornografischen Autofiktionen, werden unter anderem Texte von Bernay, Butler oder Nancy zitiert. Auch Platons „Höhlengleichnis“ als Verkörperung der Wahrnehmungs- und Erkenntnisproblematik findet in „designed desires“ seinen Platz. Wer also meint, in dieser Inszenierung auf Irre mit Funkel-BH’s zu treffen, dem ist nicht so! – Denn wer Platons „Höhlengleichnis“ als Verkörperung der Wahrnehmungs- und Erkenntnisproblematik zitiert, hat irgendwie alles richtig gemacht! „designed desires“ ist eine gut gelungene Inszenierung, wo der Rezipient viel Stehvermögen und gut gefüllte Lungen mit Sauerstoff mitbringen muss, weil 140 min für diese Inszenierung leider zu langatmig sind. FFT: 27.9.| 28.9| 20 Uhr – Venus & Apoll, Worringer Platz Dauer: ca. 140 min, ohne Pause Karten unter (0211) 87 67 87-18 oder http://www.forum-freies-theater.de/tickets.html Letztlich möchte ich noch auf die Inszenierung „Wellness“ von Florentina Holzinger und Vincent Riebeek aufmerksam machen, die den abschließenden Teil der FFT Produktionsreihe „Public Bodies“ bildet. Holzinger und Riebeek („Kein Applaus für Scheiße“, „Spirit“) bewegen sich mit dieser Performance auf einen schmalen Grat zwischen Obszönität und Schönheit sowie Faszination und Ekel. „Wellness“ soll die heilende Wirkung von Kunst und Tanz offenbaren. „The only art that is worth making, is an art that heals“. [caption id="attachment_206" align="alignleft" width="300"]HolzingerRiebeek_Wellness_PhileDeprez HolzingerRiebeek_Wellness_PhileDeprez[/caption]  

FFT Juta: 15. + 16.11.| 20 Uhr

Karten unter (0211) 87 67 87-18 oder http://www.forum-freies-theater.de/tickets.html

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