Nackte Körper als Revolutionsflächen

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Claudia Bosse „designed desires“, Foto: Christian Herrmann

Vieles ist bei der Performance vom Künstler*innen Kollektiv Claudia Bosse/ theatercombiat sonderbar. Ihre neue Arbeit „designed desires“ findet im ehemaligen Kosmetikstudio „Venus & Apoll“ (Düsseldorf) statt, anstatt in einem gängigen Theaterraum. Das Studio hat auch keinen durchschnittlichen Zuschauerraum und wirkt etwas kitschig. Die flache Bühne am Ende des Raums ist geschmückt mit Blümchenteppich, bunten Lichterbändern und einem goldenen Stuhl. Auf dem Stuhl sitzt eine indianisch-gekleidete Frau. Sie gestikuliert wild, steht schließlich auf und entkleidet die mit Vorhängen abgedeckten Schaufenster. Hinter den Schaufenstern stehen Menschen und bewegen sich zu musikalischen Klängen, welche an die Musik von Anne Clark erinnern. Das Schauspiel weckt Assoziationen an ein Horrorkabinett aus einem Film.

Neun Performer*innen -zwischen 27 und 78 Jahren- eröffnen das Schauspiel und nehmen die Besucher mit zu persönlichen Dialogen über exzessiven Gruppensex, Magenbeschwerden, bis bis letztlich zu politischen Statements, Erlebnissen von Erdbeben und den Super GAU in Fukushima (11. März 2011). Sie konstruieren mit ihren Körpern intime Situationen, Klänge und geben ihm eine Stimme. Der Körper wird in der Performance zu einer beschreibaren Fläche. Und er agiert mit eigener Biografie als handlungsfähiges Element in der spätkapitalistischen Gesellschaft.

Für „designed desires“ hat das Kollektiv einen außergewöhnlichen Spielraum erschaffen, in dem sie ein Kosmetikstudio angemietet und es zu einem theatralen Gebäude umfunktioniert haben. Jeder einzelne Raum wurde zu seiner eigenen Fläche für Performance und Zuschauer*innen, brachte seine eigene Geschichte mit, um dem erdachten Konzept eine intime Atmosphäre zwischen Ort, Künstler*innen, Storyline und Zuschauer*innen zu ermöglichen. Das intime Verhältnis zwischen Raum, Darsteller*innen und Zuschauer*innen machte auf Sehnsüchte, Begehren und Imaginationen der eigenen sowie der anderen Körper aufmerksam.

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Claudia Bosse „designed desires“, Foto: Christian Herrmann

Inspiriert von Edward Bernays Schrift „Propaganda“ stellt das Kollektiv die Sehnsüchte, Begehren und Imaginationen der eigenen sowie der anderen Körper choreografisch dar und führt die Rezipienten in einen emotionalen Konflikt. Sind die eben wahrgenommenen Sehnsüchte und Ängste meine eigenen? Oder entsprechen sie einer medial und geschellschaftlich erzeugten Natur?

Die Besucher wurden für das thematische Setting in „designed desires“ zu aktiven Mitspieler. Wir durften eigene Entscheidungen über räumliches Befinden oder Perspektive treffen. Beispielsweise wurden wir in den Keller zu einer Orgasmus-Orgie eingeladen. Einen Raum weiter wurden Gedichte von Sylvia Plath abgespielt oder mensch konnte den Erzählungen über berauschenden Gruppensex als erlebniswürdige Kommunenerfahrung lauschen.

Regisseurin Claudia Bosse und Ensemble ließen in „designed desires“ Körper sprechen und brachten den politischen Konsumismus der Postdemokratie auf den Punkt. Die Körper wurden zu revolutionären Bildern, Textflächen und zu zentralen theatralen Elementen der Performance. Sie verkörperten Klänge, nahmen politisch Stellung und traten ein in das prekäre Verhältnis zwischen Intimität und Öffentlichkeit. Sie veranschaulichten den Zuschauer*innen die Veränderung der Wahrnehmung auf den Körpers, welcher in der medialen Welt Pornografie, Folter oder Femen-Aktivistinnen ausgesetzt ist und dazu automatisch Stellung beziehen muss. Das Ensemlbe greift auf unterschiedliche Stilelemente zurück, wie verschiedene Sprachen (Englisch, Französisch, Deutsch, Japanisch), pornografischen Autofiktionen oder auf Texte von Bernay, Butler, Nancy. Auch Platons „Höhlengleichnis“ als Sinnbild für die Frage nach Erkenntnis und Wahrnehmung war Teil des performativen Konzepts. Wer also meint, in dieser Inszenierung auf Irre mit Funkel-BH’s zu treffen, dem ist nicht so!

FFT: 27.9.| 28.9| 20 Uhr – Venus & Apoll, Worringer Platz, Dauer: ca. 140 min, ohne Pause
Karten unter (0211) 87 67 87-18 oder http://www.forum-freies-theater.de

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Holzinger Riebeek „Wellness“, Foto: Phile Deprez

„designed desires“ von Claudia Bosse/ theatercombiat (UA 26. September 2013 im Düsseldorfer „Venus & Apoll“) ist Teil der FFT Produktionsreihe „Public Bodies“ . Begonnen hatte die Reihe im Juni 2013 mit Keren Levis „The Dry Piece“.

„Wellness“ von Florentina Holzinger und Vincent Riebeek wird die Produktionsreihe „Public Bodies“ beenden. – Holzinger und Riebeek („Kein Applaus für Scheiße“, „Spirit“) bewegen sich mit dieser Performance auf einen schmalen Grat zwischen Obszönität und Schönheit sowie Faszination und Ekel. „Wellness“ soll die heilende Wirkung von Kunst und Tanz offenbaren. „The only art that is worth making, is an art that heals“.

FFT Juta: 15. + 16.11.| 20 Uhr, Karten unter (0211) 87 67 87-18 oder http://www.forum-freies-theater.de

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