„Schneewittchen, die sieben Zwerge“ und die Fremdheit ihres Selbst – Das Phänomen einer Borderline Persönlichkeitsstörung

Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“ Der Spiegel antwortet: „Frau Königin, Ihr seid die Schönste im Land!“ Doch was passiert, wenn der Spiegel beim nächsten Mal antwortet: „Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier. Aber Schneewittchen ist tausendmal schöner als Ihr“?

Die böse Stiefmutter, die schon vorher für Schneewittchen nicht große Sympathien entwickeln konnte, verfällt in Hass auf das junge Mädchen, straft es mit Ablehnung und verweigert ihr jegliche Liebe. Schneewittchens leibliche sowie gute Mutter ist tot und sie kann nur noch in Schneewittchens Fantasien existieren. Die böse Stiefmutter ist die einzig gegenwärtige Mutter-Figur für Schneewittchen. Durch die Ablehnung und Vergegenwärtigung der Minderwertigkeit gegen die eigene Person, entwickelt sich beim jungen Mädchen eine Art Selbsthass auf die eigene Person und die Entwicklung des eigenen wahren Selbst bleibt stehen; d.h. die Ablehnung, das Nicht-Vermitteln von emotionaler Wärme und Geborgenheit, löst bei dem jungen Mädchen eine Verlassenheitsdepression aus. Die Ich-Funktion von Schneewittchen kann sich nicht entfalten. Das Mädchen beharrt auf primitive Abwehrmechanismen, um mit dem Verlassenheitsgefühl zu Recht zukommen und nicht verletzt zu werden. Zu den primitiven Abwehrmechanismen gehören: das Verleugnen, Anklammern, Vermeiden, Distanzieren, Projizieren, sowie Agieren von Gefühlen zu ihren Mitmenschen und ihrer Umwelt.

Die böse Stiefmutter kann Schneewittchen nur hässlich ertragen. Schneewittchen nimmt dies wahr und versucht nicht ihre Schönheit zu entfalten, um der wahrgenommenen Ablehnung der Stiefmutter auf ihre Person entgegenzuwirken. Schönheit und Hässlichkeit sind eine Analogie für das wahre Selbst und für das falsche Selbst. Die böse Stiefmutter versucht bei Schneewittchens Entwicklung von Autonomie und Selbstbehauptung mittels emotionaler Kälte und Distanz ein regressives Verhalten zu erzeugen, damit Schneewittchen verlernt ihr wahres Selbst zu entfalten. Das heißt, so lange Schneewittchen nicht ihr wahres Selbst entfaltet, sondern im von der Mutter erwünschten Selbst lebt, dem falschen Selbst, stellt Schneewittchen keine Bedrohung für die böse Stiefmutter dar.

Schließlich wächst Schneewittchen zu einer wunderschönen jungen Frau heran und jegliche Versuche Schneewittchen zu verunstalten, misslingen der bösen Stiefmutter. Die böse Stiefmutter möchte Schneewittchens Individualisierungsprozess verhindern, indem sie beschließt, dass die einzige Lösung Schneewittchens tot ist.1 Sie heckt dazu eine Reihe von satanistischen Plänen aus, um den Tod ihrer Stieftochter herbei zu führen.

Als Schneewittchen bei den sieben Zwergen ankommt, wird sie voller Liebe aufgenommen und Schneewittchen fängt an, sich um den Haushalt der Zwerge zu kümmern. Die sieben Zwerge stellen Schneewittchens verkümmerte Aspekte ihrer Persönlichkeit dar, die unter der Obhut der bösen Stiefmutter nicht wachsen durften. Schneewittchen kann sich nun, um diese verkümmerten Aspekte ihrer Seele kümmern. Es ist der Beginn eines langen Konfliktlösungsprozesses für Schneewittchen. Obwohl Schneewittchen weit von der bösen Stiefmutter entfernt lebt, ist sie immer noch präsent und versucht die junge Frau zu töten.

Im Märchen kommt Schneewittchen der Prinz zur Hilfe, um sie von dem falschen Selbst zu befreien und zum wahren Selbst zu führen. In der Realität kommt leider kein Prinz. Schneewittchen, die laut psychoanalytischer Studien eine Borderline Persönlichkeitsstörung entwickelt hat, muss lernen auf nicht selbstschädigendem Weg2 mit der Verlassenheitsdepression umzugehen. Sie muss lernen sich vom falschen Selbst zu befreien, um Ihr wahres Selbst zu finden und Ihre Identität zu entwickeln. Dieser Konfliktlösungsprozess ist ein langer heimtückischer Prozess ihres Selbst, der niemals enden wird. Die Borderline Persönlichkeitsstörung ist behandelbar, aber nicht heilbar. Schneewittchen wird ihr Leben lang mit der Fremdheit Ihres Selbst in Konflikt treten müssen, um ein glückliches Leben führen zu können.

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1 Einige Borderline-Patienten berichten von dem Gefühl, ihre Mutter nur befriedigen zu können, wenn sie Suizid begehen würden.
2 Borderline Patienten neigen zu selbst zerstörerischen Verhaltensweisen, wie Ritzen, extremen Drogenkonsum, Essstörungen.
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Masterson, James F.: „Die Sehnsucht nach dem wahren Selbst“. Stuttgart: Klett Cotta Verlag, 1993.

 http://www.gsgoehl.de/maer_schnee.htm

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