Ekstatische Zustände in Düsseldorf – RAUSCH!

„ich würd so gern einfach schreiben/ ohne ein thema/ ohne eine richtung/ ohne etwas zu bearbeiten, das sich angestapelt hat/ ohne all diese materialien und textmassen, notizen, empfndungen, enttäuschungen und ängste/ mich einfach wegschreiben in eine andere Welt/ in eine andere Welt hineinschreiben“. Kaum hat er seine Klage an System und Struktur zu Ende gesprochen, füllt sich die gedämmte Bühne im Stil eines Tanzstudios mit zahlreichen Menschen, die zu den gesprochenen Worten der Monologisten schwingen und aus einzelnen Bewegungen eine Choreografie ableiten. Nicht nur die Bewegungen der sieben Tänzer und fünf Schauspieler mit ihrer anfangs schlicht getragenen Kleidung, versetzen das Publikum in einen ekstatischen Zustand. Sondern vor allem die experimentelle Musik von dem australischen Künstler Ben Frost,  erweitern das Bewusstsein der Anwesenden und versetzen den Zuschauer in eine andere Welt, welche nicht weit von der Postmoderne ist. Keine Zeit, kein erkennbarer Ort, keine identifizierbaren Personen prägen die Inszenierung RAUSCH. Dennoch ist das Interesse der beiden Künstler Richter und van Dijk eindeutig: eine postdramatische Widerspiegelung von körperlich-seelischen Zuständen des modernen Individuums, sowie seine aktuelle Position im ökonomischen System. Die gemeinsame Zusammenarbeit von Schauspielern und Tänzern lassen die künstlerische Inspiration von der Wechselwirkung Text und Bewegung zur Erreichung eines ekstatischen Zustands umsetzten und öffnen den menschlichen Geist für eine Kritik an die bürgerliche Gesellschaft, in der der Mensch sich in einer allumfassenden Krise befindet. Das menschliche Selbst mit seiner Gefühlswelt und seinen Partnerschaften im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit wandelt sich zu einer Krise, weil die Liebe mit ihrem Rauschzustand zur letzten erfüllbaren Utopie geworden ist. Der Liebesrausch als einziges authentisches Gefühl fällt nun mit den im Kapitalismus arrangierten kapitalsteigernden Räuschen, wie Arbeitsrausch, Börsenrausch und Kaufrausch zusammen. Liebe ist zu einer unersättlichen Ware geworden und in der Postmoderne auch über soziale Netzwerke, wie facebook erhältlich. RAUSCH spiegelt in einer anderen ekstatischen Welt unsere Gesellschaft wieder, in der die konservativ-verfehlte Politik der CDU und FDP in die Mangel genommen wird und auf die herrschenden Occupy-Aufstände auf der ganzen Welt aufmerksam macht. Auch die Adelshäuser und die parasitäre katholische Kirche stehen auf der Bühne im Augenmerk des Gefechts und lassen einige Zuschauer schmunzeln oder andere wiederum zornig werden. Jegliche Kritik an unserer bürgerlichen Gesellschaft über die Zuspitzung des Kapitalismus, welche bis zur Rechtsverletzung des Bürgers führt, wird auf der Bühne annehmbar und sorgt für Reflektion, die unter anderem mit einer Parodie über den Pfefferspray-Einsatz der Polizei bei Demonstrationen gegen das kapitalistische System erreicht wird. Der unkontrollierbare RAUSCH und der Wunsch nach einem Ausbruch aus den gesellschaftlichen Zwängen in eine soziale Wirklichkeit der Freiheit, sind im Tanz der einzelnen Darsteller und in der schauspielerischen Leistung erkennbar. Eine Paartherapie unter der Obhut eines profitorientierten Therapeuten sorgt für Witz und pointierender Problematisierung von Partnerschaften, wo alle Beteiligten aufgrund des Überflusses an Bedürfnisbefriedigung ihre Bedürfnisse befriedigt haben möchten, obwohl keiner seine Bedürfnisse kennt. Wo ist die alles verzehrende Leidenschaft hin? Verschwunden; unter den anderen Räuschen. RAUSCH ist eine gelungene gesellschaftskritische Inszenierung auf höchsten künstlerischem Niveau. Literatur, Tanz, Musik und Schauspielkunst animieren zum Applause ins Unendliche und verlangen nach Reflektion und Ekstase. Gratulation. Karten und aktuelle Spieltermine: http://duesseldorfer-schauspielhaus.de/de_DE/Aktuell/Rausch.783870]]>

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